Immer mehr Menschen wünschen sich eine berufliche Veränderung, doch wie packt man diese an? Im Interview erklärt der Karrierecoach und Unternehmensberater Dr. Bernd Slaghuis wichtige Hintergründe zum Thema Neuorientierung und gibt Hinweise zur Umsetzung.

Zum Experten für berufliche Neuorientierung wurde der promovierte Wirtschaftswissenschaftler vor allem durch seine Ausbildung und mehrjährige Arbeit als Systemischer Coach und seine eigene Erfahrung. Seine Karriere als Führungskraft in einem Versicherungskonzern hängte er vor einigen Jahren an den Nagel und ging den Schritt in die Selbstständigkeit.

Heute weiß ich, dass mir die Werte Unabhängigkeit, Flexibilität und Freiheit im Beruf sehr wichtig sind und ich mich in einer Arbeitsform glücklich fühle, in der ich selbstbestimmt bin“, sagt Bernd Slaghuis.

Wie es überhaupt zum Wunsch nach Veränderung kommt und wie man diesen dann für sich umsetzen kann, erklärt der Experte hier im Interview.

Im eigenen Beruf Sinn zu finden scheint vielen Menschen wichtiger zu werden. Woran liegt das und wie beurteilen Sie diesen Trend?

„Der Sinn im Beruf ist ein Wert, der sich für viele Menschen erst nach einigen Jahren Berufstätigkeit verstärkt entwickelt. Werte verändern sich im Laufe des Lebens. Als Berufseinsteiger zählen noch Werte wie Einkommen, Anerkennung und ein schneller Aufstieg. Mit dem Wandel der eigenen Lebenssituation, vielleicht durch Familiengründung, Wohnungs- oder Hauskauf oder Veränderungen im sozialen Umfeld kommt es oft auch zu einer Verschiebung dieser Werte. Hier gilt es, das Leben und die berufliche Situation an veränderte Werte im Leben und Beruf anzupassen.

Die Sinnsuche ist also ein normaler Prozess, den es schon immer gab. Dass dies heute als Trend wahrgenommen wird, liegt aus meiner Sicht an zwei Einflüssen: Erstens sind wir in unserem Denken und Handeln selbstbewusster geworden und hinterfragen uns eher. Zweitens besitzen wir in der heutigen Arbeitswelt die Chance, uns neu zu orientieren und verschiedene Richtungen einzuschlagen. Ein Lebenslauf mit Ecken und Kanten ist längst zur Normalität geworden, für einige Arbeitgeber sogar besonders interessant.“

Wenn man nun auf Sinnsuche ist: Heißt das automatisch, dass man sich beruflich neu orientieren sollte?

„Nein. Zunächst steht die Frage im Vordergrund, woran ich bemerke, dass ein Beruf für mich Sinn stiftet. Was fehlt mir heute und wovon sollte zukünftig mehr da sein? Kann ich im aktuellen Arbeitsumfeld etwas tun, um mehr Sinn darin zu erkennen? Kann ich etwas anders machen, vielleicht auch außerhalb des Jobs, um mein Bedürfnis nach mehr Sinn zu befriedigen? Es muss keine 180-Grad-Veränderung sein, oft bringen uns auch kleine Schritte unserem Ziel näher – wir müssen diese Stellschrauben nur finden und selber an ihnen drehen.“

Viele sind unglücklich im Job, wissen aber auch nicht, was sie ändern sollen. Was ist da aus Ihrer Sicht schief gelaufen?

„Viele schieben die Schuld oder die Verantwortung für ihre Situation auf andere. Wir reden gerne über den Stress im Job und die bösen Chefs. Aus dieser Perspektive heraus wird es niemandem gelingen, etwas zu verändern. Zwei wichtige Grundvoraussetzungen für positive Veränderungen sind das Erkennen der eigenen Ziele und ein Bewusstsein zur Selbstverantwortung. Was ist mir wichtig? Was möchte ich erreichen? Was kann ich also tun, um meinen Zielen näher zu kommen? Nur wer sein Leben selbst in die Hand nimmt und etwas verändert, wird zu mehr Zufriedenheit und Glück finden.“

Welche Formen der Neuorientierung gibt es und was empfehlen Sie vor allem Sinnsuchern?

„Neuorientierung im Beruf kann vieles bedeuten: eine neue Branche, andere Inhalte, ein anderes Unternehmensumfeld, nationale oder internationale Tätigkeit, mit oder ohne Führungsverantwortung, selbstständig oder angestellt, Teilzeit oder Vollzeit… Häufig erlebe ich Menschen im Coaching, die mit einer Neuorientierung und der Suche nach mehr Sinn auch einen Verzicht auf Einkommen oder Karriere zugunsten von mehr Work-Life-Balance verbinden. Es geht bei diesem sogenannten „Downshifting“ nicht darum, zu faulenzen oder sich vor der Arbeit zu drücken. Vielmehr steht im Vordergrund, bewusst für sich die Entscheidung zu treffen, eigene Werte und Ziele in den Fokus zu rücken und diese selbstbestimmt zu verfolgen. In Summe kann dies sogar bedeuten, mehr als vorher zu arbeiten – nur anders.“

Für wen eignet sich das Konzept Downshifting besonders?

„Downshiften kann grundsätzlich jeder, der dieses Ziel verfolgt. Es spielt keine Rolle, ob ein Sachbearbeiter, Lehrer, Teamleiter oder ein Vorstand mit seiner aktuellen Arbeitssituation unzufrieden ist. Es spielt auch keine Rolle, ob jemand 30 oder 60 Jahre alt ist. Ich bin davon überzeugt, dass alle die gleichen Chancen haben und auch das nötige Rüstzeug besitzen, um an ihrem Zustand etwas in die gewünschte Richtung zu verändern. Downshifting macht aber auch nicht jeden glücklich. Es gibt Menschen, die einen permanent hohen Stresslevel brauchen, um glücklich zu sein. Dann ist dies aber auch ihre bewusste Entscheidung.“

Welche Stolpersteine kann es geben und wie sollte man damit umgehen?

„Mangelnde Konsequenz und das schnelle Zurückfallen in gewohnte Muster ist aus meiner Erfahrung der Stolperstein Nummer 1. Direkt danach kommen Ängste. Wir haben Angst vor Unbekanntem, Versagensängste oder Angst vor der eigenen Courage. Wir meiden das Verlassen der eigenen Komfortzone, weil wir Angst vor den schlecht abschätzbaren Konsequenzen haben. Was werden die anderen sagen? Schaffe ich das? Was bin ich noch wert? Diese Bedenken sind normal und es ist ratsam, sich damit auseinanderzusetzen. Wenn wir uns der Stolpersteine und unserer eigenen Blockierer bewusst sind, können wir darüber entscheiden, ob diese Stimmen in uns Recht haben oder ob wir uns bewusst darüber hinwegsetzen, um selbstbestimmt die Komfortzone zu verlassen und Neues zu entdecken.“


Dr. Bernd Slaghuis appelliert an die Selbstverantwortung jedes Einzelnen für sein Leben. Der Ökonom und Systemische Coach hat sich auf Fragen der Neuorientierung im Beruf spezialisiert, betreibt eine Coaching-Praxis in Köln und ist zudem als Strategieberater für Unternehmen sowie als Dozent und Redner tätig.

Er ist überzeugt, dass jeder das nötige Rüstzeug und die Möglichkeiten besitzt, das zu tun, was ihn glücklich macht. Slaghuis bloggt selbst in seinem Coaching-Blog Perspektivwechsel: http://blog.bernd-slaghuis.de


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