Tipps für mehr Genuss im Job

Für unser Wohlbefinden sind wir selbst verantwortlich

„Unternehmen investieren viel, um ihren Mitarbeitern das bestmögliche Arbeitsumfeld zu bieten“, erklärt Dr. Ilona Bürgel, Diplom-Psychologin und Expertin für den Wirtschaftsfaktor Wohlbefinden. „Doch alle Bemühungen laufen ins Leere, wenn wir selbst nicht fähig sind, zu genießen. Ob wir die Arbeit als Lust oder Frust empfinden, hängt in erster Linie von uns ab. Das können wir keinem fordernden Chef oder Kunden in die Schuhe schieben.“ In unserer Serie Die neue Arbeitslust gibt die Autorin praxisnahe Tipps, die helfen, den Joballtag mit mehr Freude zu erleben und vor allem, wieder auf das eigene Wohlbefinden zu achten.

Frau Dr. Bürgel, warum ist das persönliche Wohlbefinden so wichtig?

„Es ist inzwischen wissenschaftlich nachgewiesen, dass wir genauso gut oder schlecht arbeiten und leben, wie wir uns fühlen. Eigentlich brauchen wir dafür keine Studien, wir wissen das selbst ganz genau. So, wie wir früh aus dem Haus gehen, so wird der Tag. Scheint innerlich die Sonne, wuppen wir alles mit links. Ein tolles Beispiel ist, verliebt zu sein. Da haben wir jede Menge Kraft und gute Laune. Nörgelnde Kollegen oder unzuverlässige Kunden sind genauso da, machen uns aber nichts aus. Sind wir hingegen gestresst und schlecht gelaunt, bekommen wir einen Tunnelblick und sehen nur noch Probleme, keine Lösungen. Es ist wie eine Brille, die wir früh aufsetzen und mit der wir selektieren, ob wir es uns leichter oder schwerer machen in der immer gleichen Welt.

Wie fühlt sich Arbeitslust an?

„Unsere Emotionen sind mit unseren Gedanken verknüpft. Ohne negative Gedanken keine negativen Emotionen und umgekehrt. Die meisten Menschen haben ihren Job bewusst ausgesucht und mögen ihn. Doch oft lässt der Alltagsdruck uns das vergessen. Durch das Bewusstsein für den eigenen Optimismus können wir körperliche und geistige Ressourcen mobilisieren, die Lust auf die Arbeitsleistung machen. Arbeitslust ist dann vergleichbar mit dem Flow-Zustand: Wenn wir uns angemessen zu unseren Fähigkeiten anstrengen, dann vergessen wir die Zeit, sind kreativ, lösungsorientiert, optimistisch, energievoll.“

Berufung statt Beruf – kaum ein Ratgeber, der nicht auffordert, das zu tun, wofür wir brennen. Lastet auf uns inzwischen der Druck, in der Arbeit Glück und Erfüllung zu finden?

„Absolut, Glücksmaximierung ist auch im Job angesagt. Während unsere Großeltern mit ihrer Arbeit die Familie ernähren wollten, streben wir danach, uns zudem noch zu verwirklichen, verstanden zu werden und die Welt zu verändern. Es ist schön, wenn das klappt. Aber es muss auch einen ganz normalen Arbeitsalltag geben, indem wir das tun, was zu tun ist und damit zufrieden sind. Sonst geraten wir in die Optimierungsfalle, die uns das Gefühl gibt, nie gut genug zu sein. Vor allem Frauen setzen sich durch die eigenen Ansprüche unter enormen Druck. Also lieber auch einmal durchatmen und kleine Brötchen backen!“

Dürfen wir auch mal schlecht gelaunt sein?

„Unbedingt. Um Glück zu empfinden, brauchen wir ab und zu auch mal das Kontrastprogramm. Niemand kann rund um die Uhr gut drauf sein. Dafür unterliegen wir zu vielen Einflüssen. Die Kunst ist es, den negativen Emotionen nicht das Feld zu überlassen. Wir können selbst bestimmen, wie stark und wie lange wir uns unserem negativen Befinden widmen. Es ist völlig in Ordnung, enttäuscht oder verärgert zu sein oder sich mal selbst zu bedauern. Doch wenn wir ins Grübeln geraten, negative Gedanken endlos wiederholen und andere als die „Schuldigen“ für unsere schlechte Laune ansehen, schaden wir uns am Ende selbst, weil wir uns dem Gefühl hingeben. Wir sollten negative Emotionen durchaus ernst nehmen, weil sie uns darauf hinweisen, dass etwas nicht stimmt. Aber sie dürfen uns nicht dominieren, denn es kann auch zur Gewohnheit werden, schlecht gelaunt zu sein. Es ist übrigens messbar, dass positive Emotionen helfen, negative zu überwinden. Wenn wir an etwas Schönes denken, etwas wofür wir dankbar sind, verbessern sich Blutdruck und Herzfrequenz.

Kann man wirklich jeder Arbeit Positives abgewinnen, ja sie sogar genießen?

„Wenn sie zu uns passt, ja. Aber bei einer Arbeit, die ‚nicht passt‘, kann es schwierig werden. Doch dann haben wir die Möglichkeit, dies in jedem Lebensalter zu ändern und eine zweite oder dritte Karriere zu starten. Oft reichen schon kleine Schritte zusammengefasst als ‚Job-Crafting‘, z.B. die Reihenfolge oder Häufigkeit von Tätigkeiten zu ändern, das Zimmer zu wechseln, sich öfter mit angenehmen Kollegen zu umgeben oder etwas Neues zu lernen. Wofür ist das gut, was ich tue? Was kann ich ganz besonders gut? Wofür bin ich genau bei dieser Arbeit dankbar? Wer in seiner Tätigkeit Sinn sieht und Dankbarkeit empfindet, kann sie auch genießen.“

Warum ist es wichtig, dass wir uns mehr um uns selbst kümmern?

„Weil wir es dann nicht von anderen erwarten und weil wir nur dann anderen etwas geben können. Geht es uns gut, wollen wir auch für unsere Mitmenschen da sein. Menschen, denen es gut geht, sind gesünder, verdienen mehr, werden positiver wahrgenommen, sind produktiver, kreativer und stecken auch noch andere im besten Sinne an.“ Im nächsten Teil der Serie erklärt Ihnen Dr. Ilona Bürgel, warum wir in der Regel glücklicher sind, als wir selbst annehmen und wie wir durch unser Glücksempfinden eine Aufwärtsspirale in Gang setzen können.


Quellen: www.ilonabuergel.de , „Die Kunst, die Arbeit zu genießen: Erfolg und Lebensfreude im Job“, Ilona Bürgel, Kreuz Verlag

Bildquelle: © bikeriderlondon– fotolia.com