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Wer sagt, dass man nur in jungen Jahren einen Beruf erlernen kann? Immer mehr Unternehmen bilden erfahrene Arbeitskräfte in den besten Jahren in einem neuen Beruf aus und profitieren von der Erfahrung, Gelassenheit und Disziplin des Alters. Mit 40 oder 50 noch einmal ganz von vorn anfangen, die Schulbank drücken und eine Ausbildung machen? Für viele ist das kaum vorstellbar, sei es aufgrund mangelnder Motivation oder aus Angst, den heutigen Ausbildungsanforderungen nicht mehr gerecht zu werden. Dass diese Angst häufig unbegründet ist, beweisen Unternehmen, die gezielt nach Auszubildenden in den besten Jahren suchen. Die ING DiBa zum Beispiel bildet im Rahmen ihrer Initiative „Azubis 50+“ bereits erfahrene Arbeitnehmer zu Bankassistenten oder Servicekräften für Dialogmarketing aus – mit IHK-Abschluss und Übernahme in eine Festanstellung. Die etwa einjährige Ausbildung ist in Praxis- und Theorieabschnitte unterteilt, wobei die Senior-Azubis von Beginn an ins Unternehmen integriert werden. Im Gegensatz zu ihren jungen Kollegen bleiben ihnen mehrwöchige Unterrichtseinheiten in einer externen Schule erspart. Dafür sind sie in Sachen Berufserfahrung den anderen schließlich um einige Jahre voraus.

Azubis mit gewissen Vorzügen

Genau dieses Potenzial will die ING DiBa für ihre Kunden nutzen. Ziel der Initiative sei es, eine Balance zwischen Jung und Alt zu schaffen. Der Ehrgeiz und die Innovationskraft der jungen Berufsanfänger gepaart mit der Erfahrung, Ruhe und Leistungsbereitschaft der älteren Generation ergibt eine meist unschlagbare Teamkonstellation. Außerdem habe man festgestellt, dass sich viele ältere Kunden einen gleichaltrigen Berater wünschen, der sich besser in ihre Situation versetzen kann. Andere Unternehmen, wie zum Beispiel die Bäckereikette K+U, eine Edeka-Tochter, bieten älteren Menschen eine Lehrstelle an, um so ihren Bedarf an Auszubildenden zu decken. Die Ausbildungszeit wurde auf zwei Jahre verkürzt, „weil man bei reiferen Menschen nicht bei Adam und Eva anfangen muss“, so Ausbildungsleiterin Corinna Krefft-Ebner gegenüber Spiegel.de. Auch sonst sind die Erfahrungen mit den Senior-Azubis durchweg positiv: „Sie sind fleißig, ehrgeizig, zuverlässig, diszipliniert, haben ein vorbildliches Verhalten gegenüber Kunden und stellen meist die besten Klassen in der Berufsschule.“

Vor allem kleine Unternehmen suchen Auszubildende

Wer in den besten Jahren noch einmal einen Neustart wagen will, sollte vor allem bei kleineren Unternehmen anklopfen. Diese suchen meist händeringend nach Auszubildenden, weil sie unter den Jugendlichen keine geeigneten Kandidaten finden können. Neben dem Fachkräftemangel plagt sie zusätzlich der Azubimangel. Denn die Zahl der Schulabgänger geht kontinuierlich zurück. Und während Universitäten aus allen Nähten platzen und die, die nicht studieren wollen, Lehrstellen eher in großen und vermeintlich attraktiven Firmen suchen, haben kleine Firmen oft das Nachsehen. Dabei haben gerade hier Azubis die Möglichkeit, ganz individuell betreut und gefördert zu werden.

Bezahlung ist der größte Stolperstein

In den besten Jahren nochmal eine Ausbildung beginnen – für ambitionierte Arbeitnehmer, die aufgrund ihres Alters keinen Arbeitsplatz mehr finden oder für Mütter, die ihren Job zu Gunsten der Familie aufgegeben haben, kann das ein spannender Weg zurück in die Berufswelt sein. Größter Stolperstein ist dabei sicher der finanzielle Aspekt. Wer eine Familie versorgen muss, kann es sich nicht leisten, über mehrere Jahre für ein Lehrlingsgehalt von einigen hundert Euro einen neuen Beruf zu erlernen. Unternehmen wie die ING DiBa oder K+U sind sich dessen bewusst und zahlen ihren Senior-Azubis deshalb schon während der Ausbildung mit 1.500 bis 1.800 Euro das Gehalt eines Berufsanfängers. Das geht aber nur durch finanzielle Zuschüsse von der Arbeitsagentur. Ohne diese Förderung können sich Unternehmen die Senior-Ausbildung im Moment noch nicht leisten. Allerdings werden Senior-Azubis bislang nur in bestimmten Fällen von den Arbeitsagenturen unterstützt: Nämlich wenn sie aus gesundheitlichen Gründen einen neuen Beruf ergreifen müssen, wenn es für sie im erlernten Beruf keine Chancen mehr auf dem Arbeitsmarkt gibt oder wenn sie bis dato noch keinen Berufsabschluss haben. Wer allerdings die finanziellen Einschränkungen in Kauf nehmen kann und Motivation für einen Neustart aufbringt, kann auch im reifen Alter in ein spannendes Berufsleben starten.


Quellen: www.spiegel.de; www.welt.de; www.ing-diba.de Bildquelle: © apops – Fotolia.com

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