Chef

Stellen Sie sich einmal die folgenden Situationen vor:

Beispiel 1: Sie sind auf dem Weg zum wöchentlichen Meeting und treffen im Flur auf Ihren Chef. Während Sie neben ihm gehen, fragt er: „Sag mal, was machst Du eigentlich den ganzen Tag?“ Beispiel 2: Sie treffen Ihren Chef auf dem Weg zu einer Besprechung, und der fragt: „Sag mal, was machst Du eigentlich zur Zeit?“ Beispiel 3: Bei einem Firmenfest stehen Sie in der Schlange zum Büffet zufällig neben dem Vorstand. Der ergreift die Gelegenheit und fragt, was eigentlich Ihre Aufgabe im Unternehmen ist. Im ersten Fall explodieren Sie vielleicht und fragen zurück: „Denkst Du, ich tue nichts?“ Oder Sie zählen gereizt auf, was Sie gestern getan haben. Im dritten Fall antworten Sie — wenn Sie nicht gerade besonders gesprächig sind — möglicherweise mit: „Ich bin Netzwerkadministrator.“ Und ärgern sich dann, dass Sie dafür nur ein „Aha, interessant.“ ernten und sich der Vorstand dann jemand anderem zuwendet. In beiden Fällen haben Sie wunderbare Gelegenheiten verpasst.

Offen nachfragen, statt zu spekulieren

Wenn man Beispiel 1 und 2 wie hier nebeneinanderstellt, dann hören viele im ersten Fall den mehr oder weniger deutlichen Vorwurf, man leiste nichts. Die Frage in Beispiel 2 erscheint dann als die sachliche Nachfrage nach der derzeitigen Beschäftigung. Ganz so einfach ist es im wirklichen Leben allerdings nicht. Nicht wenige hören auch aus der — an sich — neutralen Frage „Was machst Du zurzeit?“ einen Vorwurf heraus, andere bringt auch ein „Was machst Du eigentlich die ganze Zeit?“ nicht auf die Palme. Diese unterschiedlichen Interpretationen haben sicherlich viel mit der Vorgeschichte, dem Kontext und natürlich insbesondere mit dem Ton zu tun, mit dem die Frage gestellt wird. Sie haben aber auch viel mit der Person zu tun, die die Frage hört und interpretiert. Wer unsicher ist, wird in Frage 1 und 2 eher ein „Du leistest nichts (Vernünftiges)“ hören als jemand, der selbstsicher ist oder der gerade ein schwieriges Projekt erfolgreich zu Ende geführt hat. Und jemand, der sich den halben Tag mit sachfremden Dingen beschäftigt, wird ertappt reagieren, sobald man ihn auf seine Arbeitsleistung anspricht. Wenn wir aber jetzt einmal den letzten Fall außen vor lassen: Sehr oft steckt hinter Frage 1 und 2 tatsächlich nicht mehr als die Neugier, das Wissenwollen, was der andere tut. Wenn Sie die Frage als Vorwurf hören oder unsicher sind, dann ändert sich der Sinn dieser Worte für Sie natürlich grundlegend. Allerdings begeben Sie sich damit ins Reich der Spekulation, schließlich vermuten Sie, dass Ihr Gegenüber etwas anderes meint als er sagt. Das ist nicht nur unhöflich, sondern auch unfair. Stellen Sie sich vor, jemand hört aus dem, was Sie sagen, etwas ganz anderes heraus, interpretiert in Ihre Aussagen etwas hinein, was Sie nicht gemeint haben. Da Sie nicht wirklich wissen können, ob Sie mit Ihrer Spekulation richtig liegen (es sei denn, Sie bekommen die Frage täglich zu hören und haben Ihrem Chef erst gestern detailliert berichtet, was Sie gerade tun), hilft nur eins: Sprechen Sie die Dinge offen an, auch wenn Ihnen das nicht leicht fällt. In unserem Beispiel haben Sie zwei Möglichkeiten: 1. Fragen Sie direkt nach: „Wie meinst Du das jetzt, wenn Du fragst, was ich den ganzen Tag tue?“ 2. Sie beantworten die Frage, sagen aber zuerst, wie die Frage bei Ihnen angekommen ist: „Das hört sich für mich jetzt fast wie ein Vorwurf an. Ich arbeite momentan am Projekt xyz …“ Wichtig dabei: Bleiben Sie ruhig und vor allem freundlich. Völlig verkehrt wäre es, in die Luft zu gehen oder Ihr Gegenüber unfreundlich anzuschnauzen. Sollte sich herausstellen, dass Ihr Chef in der Tat der Meinung ist, Sie würden zu wenig leisten, dann fragen Sie nach, wie er denn dazu kommt (bzw. verschieben das Gespräch auf einen späteren Termin). Wenn Sie gerade auf dem Weg zu einem Meeting sind, ist es in der Regel nicht sinnvoll, jetzt zu erklären, was Sie in Ihrer Arbeitszeit leisten. Vereinbaren Sie einen Termin, an dem Sie — gut vorbereitet — darlegen, wie Ihre Tätigkeiten genau aussehen. Häufig werden Sie allerdings feststellen, dass Ihr Chef sich einfach nur einen Überblick darüber verschaffen will, woran Sie gerade arbeiten. Er ist schließlich nicht in die Details Ihrer Arbeit eingeweiht und möchte lediglich wissen, was in seinem Unternehmen bzw. seiner Abteilung vorgeht.

Reklame für sich machen

In den seltensten Fällen weiß Ihr Gegenüber genau, was Sie arbeiten. Auch Ihr Chef, noch viel weniger natürlich der Vorstand aus Beispiel 3, kennt Ihren Arbeitsalltag im Detail. Wenn überhaupt, dann wissen die Mitarbeiter aus Ihrer Abteilung Bescheid. Wenn Sie also jemand fragt, dann freuen Sie sich doch über das Interesse, das Ihr Gegenüber zeigt. Gerade wenn sich, wie in Beispiel 3, jemand aus einer übergeordneten Position interessiert zeigt, dann nutzen Sie die Möglichkeit doch: Machen Sie Ihre Aufgabengebiete greifbar und stellen Sie Ihre Leistungen heraus. Statt also nur „Ich bin Netzwerkadministrator.“ zu murmeln, könnten Sie beispielsweise antworten: „Ich bin für die Datenbankserver verantwortlich. Ich sorge dafür, dass unser Call-Center rund um die Uhr Zugriff auf die Kunden- und die Produktdatenbank hat.“ Wie Sie Ihre Tätigkeit beschreiben, hängt selbstverständlich sehr stark von Ihrem Gegenüber und seinem Hintergrundwissen ab. Einem Kollegen gegenüber, der etwas Ähnliches macht wie Sie, werden Sie Ihre Tätigkeit ganz anders schildern als jemandem, den Sie während einer Party kennenlernen. Statt in die Frage „Was machen Sie eigentlich den ganzen Tag?“ den Vorwurf hineinzuinterpretieren, Sie würden nichts leisten, sollten Sie die Frage ganz wörtlich nehmen. Wenn Sie glauben, dass sich hinter der Frage ein Vorwurf verbirgt, dann sprechen Sie das klar an. So geben Sie Ihrem Gegenüber die Gelegenheit, zu sagen, was ihm nicht passt, bzw. zwingen ihn, konkret zu werden. Und Sie haben die Möglichkeit, Ihre Position darzulegen — nur wenn Sie genau wissen, was Ihr Gegenüber stört, können Sie richtig darauf reagieren.


Franz Grieser Franz Grieser ist freiberuflicher Autor, Kommunikationstrainer und Personal Coach (www.grieser-coaching.de). Er lebt und arbeitet in München. Bildquelle: ©-ArTo-Fotolia.com

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