Angeborenes Talent

Naturtalente gibt es in jeder Disziplin und ebenso die geborenen Redner. Ihr Talent wird in der Regel früh erkannt und gefördert. Die international anerkannte Stimmtrainerin Kristin Linklater sagt, dass jedem Menschen von Natur aus ein Stimmumfang von bis vier Oktaven zur Verfügung steht. Sie können sich denken, wie kraftvoll ein solches Instrument eingesetzt werden kann. Linklater weiß auch, dass viele Menschen im Laufe ihres Erwachsenwerdens ihre angeborenen Fähigkeiten verlernen. Denn bei den meisten von uns läuft der Spracherwerb ziemlich unspektakulär ab. Wir entwickeln nur die kommunikativen Fähigkeiten, die wir im Alltag brauchen. Stimmlich werden wir ziemlich selten herausgefordert. Unsere schulische Bildung zielt auch nicht darauf ab. In vielen Schulformen steht die Wissensvermittlung im Vordergrund. Stimme ist meistens Sache der Künste und nur für die Kreativen unter uns ein Thema. Schade eigentlich.

Verlerntes Talent

Sie kommen also mit allen stimmlichen und sprecherischen Möglichkeiten auf die Welt und werden dann nicht gefordert. Wenn Sie weder in der Schule noch in der Familie oder dem Freundes lernen, vielfältige Emotionen auszudrücken, abwechslungsreich vorzulesen oder spannend zu erzählen, dann verkümmert Ihr stimmliches Talent. Ganz im Gegenteil entwickeln sich häufig sogar mehr oder weniger ausgeprägte Sprechängste, die man aus der Kindheit schön mit bis ins Erwachsenenalter nimmt. In meiner Praxis höre ich häufig solche Sätze wie „das ist nicht so meine Stärke“ oder „ich stehe ungern im Mittelpunkt“. Nicht wenigen Menschen passiert es, dass sie sich zu guten Zuhörern entwickeln, die mit Ihren eigenen Themen aber „nicht aus sich heraus kommen können.“

Neuentdeckte Fähigkeiten

Das zunächst angeborene und wieder verlernte Talent wird in beruflichen Situationen dann plötzlich schmerzlich vermisst. Immer wenn es um Face-to-Face-Kommunikation geht, sind Stimme und Sprechausdruck schließlich die Mittel unserer Wahl. Wollen Sie auf sich als Persönlichkeit, als Arbeitnehmer oder Geschäftspartner aufmerksam machen, haben Sie neben der Körpersprache nur diese zwei Mittel zur Verständigung. Deswegen kommt es nun auch darauf an, den lang vergrabenen Schatz Stimmtalent ans Tageslicht zu bringen. Und das ist gar nicht so einfach. Schließlich hat jeder von uns lieb gewonnene Angewohnheiten und identifiziert sich gemütlich mit „ich bin eher schüchtern“ oder das „konnte ich noch nie“. Das stimmt ja vielleicht auch, ist aber kein Grund oder Hindernis. Wir sind uns heute im Klaren darüber, das verdanken wir ganz sicher den Erkenntnissen der modernen Gehirnforschung, dass unser Gehirn bzw. wir als Menschen in der Lage sind lebenslang zu lernen. Der Spruch „was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“ gehört längst der Vergangenheit an.

Kompetenz ist hörbar

Stimmliche Präsenz, Ausstrahlung und Überzeugungskraft lassen sich trainieren. Ein Wiederbelebungstraining – sozusagen. Wobei Sie das nicht mit „antrainieren“ verwechseln dürfen. Ich würde Ihnen raten immer ein Stimmcoaching zu machen, was Ihre ganze Persönlichkeit miteinbezieht und Ihnen zeigt, wie Sie Ihre stimmlichen Ressourcen wiederfinden und zielorientiert nutzen. Es geht dabei um mehr als um den reinen Zweck: Verstellen Sie bewusst Ihre Stimme, sprechen Sie beispielsweise künstlich etwas tiefer, weil das souveräner wirken soll, wird Ihr Gegenüber das sehr schnell merken und Ihnen nicht mehr vertrauen. Viel nachhaltiger wäre in diesem Fall die Frage, warum Sie die Anteile Ihrer Stimme nicht nutzen, die zu einer souveränen Wirkung führen. Der sogenannte Brustton der Überzeugung ist schließlich keine Erfindung, sondern konkret wahrnehmbar. In einem Stimmcoaching würden Sie ganz pragmatisch Ihre Brustresonanz entwickeln, sodass sie Ihnen immer zur Verfügung steht.

Konkrete Schritte

Wenn Sie nun davon ausgehen, dass in Ihnen stimmliches Talent schlummert oder Sie Ihre Stimme für Ihren Beruf schlicht und ergreifend benötigen, dann können Sie definitiv daran arbeiten. Mit diesen fünf Schritten können Sie bei sich schon Einiges bewirken: 1) Eignen Sie sich Hintergrundwissen über die Zusammenhänge von Stimme und Persönlichkeit an. 2) Überprüfen Sie Ihr Verhalten: Sagen Sie klar und direkt, was in Ihnen vorgeht oder halten Sie sich zurück? 3) Verbessern Sie Ihr Körperbewusstsein: Habe ich eine angespannte Körperhaltung oder bin ich locker? 4) Beobachten Sie Ihren Atem: Ist mein Atem frei und raumgreifend? 5) Hören Sie sich selbst beim Sprechen zu: Lasse ich meine Stimme frei heraus oder bremse ich mich selbst aus, indem ich leise und zögerlich spreche.


Über die Autorin SanSandra Marxdra Marx (M.A.) ist Sprecherzieherin (DGSS) und Coach für Körper, Stimme und Sprechen. Im Sprechstil Institut bietet sie Einzel- und Inhousecoachings und im Sprechstil Atelier eine Sprecherausbildung Mediensprechen an. Bildquelle oben: © lightpoet – Fotolia.com

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