kinderfreundlich

Mitten in der Teambesprechung kommt der Anruf von der Kita. Das Kind hat Fieber und muss sofort abgeholt werden. Oh bitte, ihr himmlischen Mächte, lasst es keine Streptokokken sein! Es sind natürlich Streptokokken. In den kommenden Tagen bleibt die Arbeit liegen oder wird auf die Schultern der stöhnenden Kollegen verteilt. Mit schlechtem Gewissen kümmert man sich um das scharlachkranke Kind und hofft, der erneute Arbeitsausfall ist – von der Führungsetage unbemerkt – schnell wieder vorbei. Berufstätige Eltern können mit der Regelmäßigkeit der in Schule oder Kita schwappenden Infektionswellen ein Lied von ihren Gewissensbissen singen. Hände hoch, wem es ähnlich geht.

Alle einer Meinung: Familienfreundlichkeit ist wichtig

Dabei ist Familienfreundlichkeit doch das neue Attribut, mit dem Unternehmen ihre Arbeitgeberattraktivität unter Beweis stellen. Das belegt nicht zuletzt der „Unternehmensmonitor Familienfreundlichkeit 2016“, durchgeführt durch das IW Köln im Auftrag des Bundesfamilienministeriums. Demnach weisen rund acht von zehn Unternehmen diesem Thema eine hohe Bedeutung zu – zum Beispiel um neue Mitarbeiter zu gewinnen oder zu halten, aber auch zur Steigerung der allgemeinen Arbeitsmotivation. Dass vor allem Mitarbeiter mit Kindern (96,1%) oder pflegebedürftigen Angehörigen (87,9%) familienfreundliche Maßnahmen für unverzichtbar halten, versteht sich von selbst. Doch auch kinderlose Kollegen ohne Pflegeauftrag befürworten mit rund 81,2 Prozent eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Doch was ist mit der familienfreundlichen Unternehmenskultur?

Na dann wäre das ja geritzt, möchte man als Arbeitnehmer mit familiärer Verpflichtung ob der einhelligen Meinung freudvoll rufen. Warum also das schlechte Gewissen, wenn sich die Prioritäten während der Kernarbeitszeit gelegentlich zugunsten der Familie verschieben? Wo bleibt die schwedische Gelassenheit, mit der selbst dortige Führungskräfte ganz selbstverständlich um 16:30 Uhr den Stift niederlegen, um die ihnen wichtigeren Stifte abzuholen und nach Hause oder zum Fußballtraining zu bringen? Teilzeitmodelle, flexible Tages- und Wochenarbeitszeiten, Sabbaticals, Jobsharing und Home-Office sind das eine. Eine gelebte familien- und kinderfreundliche Unternehmenskultur das andere. Hier hapert es in Deutschland noch.

Führungsvorbilder machen den Unterschied

Laut Unternehmensmonitor halten 83 Prozent der Personalverantwortlichen und Geschäftsleitungen familienfreundliche Rahmenbedingungen in ihrem Hause für selbstverständlich, wohingegen nur 60 Prozent der Mitarbeiter der gleichen Meinung sind. Hier fehlt das Vorbildverhalten der Führungskräfte. „Die Breite der Angebote umfasst Unterstützung für Väter und für die Pflege von Angehörigen; aber ohne Vorbilder und eine familienfreundliche Führungskultur fehlt vielen Beschäftigten der Mut, diese Angebote auch in Anspruch zu nehmen“, begründet Familienministerin Manuela Scheswig den Unterschied in der Wahrnehmung von Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Ein Beispiel aus der Studie: Dort wo männliche Führungskräfte selbst Elternzeit in Anspruch nehmen, ist der Anteil der männlichen Beschäftigten, die dies tun, mit 16 Prozent fünfmal so hoch wie in Unternehmen ohne Führungskräftevorbilder.

Interessant für Mütter UND Väter: vollzeitnahe Teilzeitmodelle

Trotz aller Aufgeklärtheit gilt Teilzeit noch immer als Karrierekiller und diese bittere Pille wird überwiegend von Müttern geschluckt. Doch Eltern reichen meist schon ein paar Stunden wöchentlich, um neben dem Job auch die Familie zu managen. Modelle mit vollzeitnaher Teilzeit stehen deshalb bei Vätern und Müttern gleichermaßen hoch im Kurs, weil sie nur geringe Auswirkungen auf Arbeitszeit und Gehalt haben. Laut einer Umfrage des Bundesverbandes der Personalmanager (BPM) und des Bundesfamilienministeriums nutzen elf Prozent der befragten Unternehmen Teilzeitmodelle, bei denen die Arbeitszeit zwischen 75 und 90 Prozent liegt. Das entspricht einer Wochenarbeitszeit zwischen 28 und 36 Stunden. Doch diese Angebote werden steigen. „Mitarbeiter wollen zunehmend Arbeitszeiten, die sich den aktuellen Lebensumständen anpassen und nicht umgekehrt“, sagt Elke Eller, Präsidentin des Bundesverbandes der Personalmanager. Auch Familienministerin Scheswig ist überzeugt: „Vollzeitnahe Arbeitszeitmodelle sind auf dem Vormarsch. Und sie treffen die Bedürfnisse von Müttern und Vätern, die beruflich weiterkommen wollen, sich aber auch Zeit für ihre Kinder wünschen.“

Jobs.de-Umfrage: Wie kinderfreundlich ist Ihr Arbeitgeber?

Insgesamt bleibt festzuhalten: Der Stellenwert von Familienfreundlichkeit ist in den vergangenen Jahren spürbar gestiegen. Viele Unternehmen bieten mehr Flexibilität in Sachen Arbeitszeit, Arbeitsort und Aufgabenverteilung für Mitarbeiter mit Familienverantwortung. Trotzdem haben diese Hemmungen, die Angebote auch in Anspruch zu nehmen, solange Familienfreundlichkeit nicht auch in der Unternehmenskultur verankert ist und von Führungskräften vorgelebt wird. Wir möchten von Ihnen wissen: Wie kinderfreundlich ist ihr Arbeitgeber? Nehmen Sie oben an unserer Umfrage teil und berichten Sie uns, welche Erfahrungen Sie zu diesem Thema gemacht haben.


Quellen: https://www.haufe.de/personal/hr-management/hr-trends-2017-teilzeitmodelle-auf-dem-vormarsch_80_391498.html https://www.bmfsfj.de/blob/95434/ede1131bedf5bbbb477cffd478bcc1b7/unternehmensmonitor-familienfreundlichkeit-2016-broschuere-data.pdf Bildquelle: © Afrika Studio – Shutterstock.com