Downshifting im Job: Wenn weniger wirklich mehr ist

Downshifting als dauerhafte Lebensveränderung

„Downshifting bedeutet vor allem, dass man sich dazu entschieden hat, bestimmten Werten im Leben mehr Raum zu geben“, sagt Foss und führt aus: „Einer möchte mehr Zeit für Kinder und Familie, der nächste dem Hamsterrad entfliehen und mehr Zeit für sich haben. Wieder ein anderer sucht einen Beruf, in dem er mehr Erfüllung findet.“ Ganz gleich, in welcher Form man diesen Schritt schließlich realisiert, er betont, dass es sich beim Downshifting in der Regel um eine dauerhafte Lebensveränderung handelt: „Ein paar Monate Teilzeit wegen der Kinder oder ein halbjähriges Sabbatical ist aus meiner Sicht kein Downshifting. Bei dauerhaften Downshiftern verliert auch der Karriereaufstieg an Wichtigkeit, der mit mehr Geld und Status verbunden ist.

Typische Downshifter: Burnout-gefährdete und Sinnsucher

Wer den Wunsch nach dieser Veränderung spürt, hegt meist schon lange ein Gefühl der Unzufriedenheit mit der aktuellen Situation. Man unterscheidet hier zwei Haupttypen: Typ 1 ist der Engagierte. Er ist häufig von Burnout gefährdet oder gar betroffen. Meist haben diese Menschen jahrelang sehr viel Zeit und Herzblut in den Beruf oder die Firma investiert. Viele tragen als Führungskräfte häufig mehr Verantwortung als sie wirklich bewältigen können oder sind frustriert, weil ihr Einsatz nicht die gewünschte Anerkennung oder das erwartete Gehalt einbringt. Stress und gesundheitliche Probleme sind oft die Folge. Typ 2 ist eher der Sinnsucher. Er findet in seinem Job keine rechte Erfüllung oder ihm sind andere Werte einfach wichtiger als die Karriere. Immer mehr Männer entscheiden sich etwa bewusst dafür, sich stärker in die Kindererziehung einzubringen, weil ihnen das wichtiger ist. Andere möchten sich in einem anderen Berufsfeld versuchen, das ihnen vielleicht weniger Geld, aber mehr Erfüllung verspricht. „Grundsätzlich muss jeder für sich selbst die Frage klären, was ihm im Leben wirklich wichtig ist und womit er seine Zeit beruflich und privat verbringen will“, sagt Jan Foss, der dies als Schlüsselthema beim Downshifting sieht. „Denn ohne Ziel ist bekanntlich jeder Weg der falsche.“

Die dauerhafte Veränderung in die Tat umsetzen

Wie man letztlich kürzer tritt oder mehr Sinn findet, ist für jeden individuell verschieden. „Häufig sind diese Veränderungen nur möglich, wenn man eine höhere Hierarchieebeneim Unternehmen wieder verlässt, das berufliche Tätigkeitsfeld verändert oder in Teilzeit arbeitet, je nach dem was man letztendlich erreichen möchte“, so Foss. Durch eine Teilzeitstelle entsteht auf jeden Fall mehr Zeit für die Familie. „Diese Lösung wird aber meist nur vorübergehend, zum Beispiel bis die Kinder drei Jahre alt sind, gewählt. Ich würde das als ‚kleines Downshifting‘ bezeichnen“, meint er. Für Führungskräfte, die zugunsten von Familie und Gesundheit dauerhaft runterschalten wollen oder müssen, reicht es vielleicht schon, auf die nächstniedrigere Hierarchieebene zurückzugehen. Jan Foss verdeutlicht dies an einem Beispiel aus dem Vertrieb: „So wird zum Beispiel ein ‚Vice President Sales‘ wieder zum ‚Sales Director‘ oder ein ‚Sales Director‘ wieder zum ‚Key Account Manager‘ ohne Personalverantwortung. Dann ist Teilzeit in vielen Fällen gar nicht mehr notwendig, weil etwa der Samstag nun wieder ein Familientag ist.“ Dies kann er aus eigener Erfahrung bestätigen, denn: „Für mich persönlich war das Ablegen der Führungsverantwortung der erste wichtige Schritt in meinem Downshifting.“

Fiat 500 statt Audi A6 fahren: Finanzielle Einbußen gehören oft dazu

Jan Foss will gerade Männern Mut machen, die sich häufig – auch aus Sicht der Gesellschaft – in der Pflicht sehen, mit einer Vollzeitstelle die Familie ernähren zu müssen. Heute tragen aber auch viele Frauen einen guten Teil zum Einkommen bei und wollen sich nicht nur um Haushalt und Kinder kümmern. Andersherum gibt es immer mehr Männer, denen Kinder und Familie wichtiger sind als die Karriere. Foss, selbst Familienvater, nahm bewusst deutliche finanzielle Einbußen in Kauf, um sich Projekten zu widmen, die Zeit brauchen und nicht unbedingt auf dem schnellsten Weg wieder ein hohes Einkommen versprechen. „Nur mit dieser Einbuße war es möglich, meine Träume anzugehen. Weniger Geld gehört zum Downshifting zwar nicht unbedingt aber meistens dazu“, meint er und rät: „Seien Sie ehrlich zu sich selbst: Worauf kann ich verzichten? Was braucht die Familie zum Leben? Ein genauer Haushaltsplan gehört zur Planung auf jeden Fall dazu. Vielleicht muss man noch Aus- und Weiterbildungen einkalkulieren, wenn man die Richtung wechseln möchte.“ Der schwierigste Schritt ist aus seiner Sicht das Loslassen: „Heute fahre ich Fiat 500 statt Audi A6, spontane Reisen werden eher selten sein und ich habe eine Eigentumswohnung verkauft, an der mein Herz hing. Viele kleine Bausteine ebnen so den Weg. Insgesamt hat die Planung und Umsetzung gute drei Jahre gedauert – viele Tiefschläge und Zweifel inbegriffen. Neben der gesellschaftlichen Skepsis, auf die man stößt, erwies sich auf der Zielgeraden eine lange angepeilte Teilzeitstelle als völlig unpassend. Dann muss man wieder aufstehen, sich sammeln und weitergehen. Heute fühle ich mich sehr befreit und weiß, dass es absolut richtig war, dem Herzen und nicht dem Geld zu folgen.“


*Name von der Redaktion geändert Bildquelle: © Ronen – Veer.com

2 Kommentare

  1. Hallo,
    ich selber gehöre zu der Kategorie 1 und liebäugle auch schon seit Jahren mit einer Halbtagsstelle, damit ich einfach mehr Zeit für das habe, was mir auch noch wirklich wichtig ist.
    Wenn man nur noch arbeitet kennt man sich irgendwann fast selbst nicht mehr und ist dann irgendwann nur noch mit seiner Arbeit und nichts anderem vertraut.
    Ich möchte meine Gewichtung von Dingen, die ich tue einfach anders Stricken.
    In den letzten Jahren sind für mich persönlich, die mir wirklich am Herzen liegen, ganz andere geworden.
    Diese möchte ich erleben. Das sind ganz gewöhnliche Sachen wie Kochen, Sauna, Wellness, Wandern, Brettspiele erfinden u. vielleicht einfach mal eine gute Massage genießen was ich bisher noch nie gemacht habe.
    Ich habe festgestellt, dass Schnöder und Mammon halt nicht alles für mich bedeutet und ich glaube das ist gut so.
    Als Mann ist es natürlich besonders schwer den Chef zu bewegen, dass man weniger arbeiten möchte. Ich kann mir gut vorstellen dass so ein Anliegen sehr schnell fehlinterpretiert wird und wahrscheinlich zu einer Kündigung führt.
    Das gilt es für mich, wie für sicherlich auch viele andere, zu vermeiden.
    Bin sehr gespannt wie es mit mir weitergeht.
    Liebe Grüße mit ganz viel Wellness aus Delmenhorst bei Bremen

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