Die Vor- und Nachteile der neuen freien Arbeitskultur

Das Konzept des agilen Arbeitens sorgt für Wirbel und in vielen Unternehmen bereits für tiefgreifende Veränderungen. Top-Down-Hierarchien, Nine-to-Five-Jobs, Office-Rules – alles Gewohnte wird in Frage gestellt und im Sinne von flexibleren und wendigen Strukturen neu erdacht. In unserer Serie erklären wir Ihnen, was es mit agiler Arbeit auf sich hat, welche Vor- und Nachteile die neue Form des Teamwork bringt und für wen sie besonders geeignet ist.

Entspannte Gruppenarbeit ohne Chef

Die Idee vom agilen Arbeiten weht immer stärker durch die Unternehmen und stellt dabei die traditionelle Arbeitsweise auf den Kopf. Traditionell, das bedeutet pyramidenförmige Hierarchien, in denen die Wenigen ganz oben den Vielen ganz unten in der Regel sagen, wo es lang geht und dafür die Verantwortung übernehmen. In agilen Unternehmen dominieren hingegen flexible Netzwerkstrukturen statt starrer Hierarchien. Selbstorganisierte Mitarbeiter arbeiten zusammen in transparenten Teams und in enger Absprache mit den Kunden. Sie treffen alle wesentlichen Entscheidungen eigenständig. Dabei orientieren sie sich am Unternehmensleitbild, an definierten Missionen & vereinbarten Zielen. Führungskräfte üben nicht mehr Druck durch Kontrolle und Leistungsvorgaben aus, sondern übertragen Verantwortung an die Mitarbeiter und stehen beratend zur Seite. Unternehmen versprechen sich von dieser neuen Arbeitskultur mehr Flexibilität und Effizienz, dazu eine verbesserte Kundenbindung und höhere Mitarbeitermotivation.

Vorteil: selbstbestimmte, motivierte Mitarbeiter

Ist agiles Arbeiten also entspannte Gruppenarbeit ohne Chef? Im Grunde genommen ja. Was aber nicht bedeutet, dass dabei nicht auch arbeitsintensive Phasen mit Überstunden und hoher Belastung anfallen können. Der Mitarbeiter begegnet diesem Druck aber mit einer ganz anderen Motivation. Denn Zielsetzung, Planung und Kontrolle liegen nun beim ihm bzw. bei seinem Team. Durch eine enge Zusammenarbeit mit dem Kunden und kurze Feedback-Intervalle wird der Handlungsrahmen nicht nur klar definiert, sondern auch stetig hinterfragt und kann kurzfristig an neue Bedingungen angepasst werden. Das ist der große Vorteil gegenüber starren Top-Down-Strukturen, in denen Entscheidungen oft viel zu lange dauern, weil sie von einem Schreibtisch zum nächsten wandern. Der einzelne Mitarbeiter genießt deutlich mehr Handlungsfreiheit, kann das Wie (z.B. Home-Office, Arbeitszeiten) und Was (z.B. Verantwortung, Zuständigkeit, Qualifikation) seiner Arbeit eigenverantwortlich bestimmen und hat direkten Anteil am Unternehmenserfolg.

Nachteil: Mehr Verantwortung ist zuweilen unbequem

„Agile Organisationskulturen sind geprägt von Transparenz, Dialog, einer Haltung des Vertrauens sowie von kurzfristigen Feedbackmechanismen.“ Wissen wird an alle weitergegeben, Fehler werden offen und konstruktiv angesprochen, Statussymbole entfallen. Das klingt zunächst alles sehr verlockend, aber jeder weiß, dass Veränderungen im Unternehmen meist auch Schwierigkeiten mit sich bringen. In dem Fall ganz besonders, denn Agilität meint nicht einfach eine neue Arbeitstechnik, die man an zwei Nachmittagen in einem Workshop erlernen kann. Agiles Arbeiten ist in letzter Konsequenz der Aufbau einer ganz neuen Unternehmenskultur, in der alle Mitarbeiter fähig und bereit sein müssen, gänzlich Verantwortung zu übernehmen und Führungskräfte eben diese abzugeben und damit auf eine vermeintliche Sonderstellung zu verzichten. Vorgesetzte verlieren an Macht, Mitarbeiter an Sicherheit und Bequemlichkeit. Da sind Konflikte vorprogrammiert.

Der ideale „Agil Worker“

Nicht nur aber doch gerade für die jüngere Arbeitnehmergeneration ist die Form der Zusammenarbeit, wie sie in agilen Strukturen praktiziert wird, sehr erstrebenswert. Diese Mitarbeiter – von Haus aus Netzwerker – lieben den Austausch und die Abwechslung, die die hochflexible Teamarbeit mit sich bringt. Sie sind als extrovertierte Zeitgenossen, die sich nicht scheuen, Risiken einzugehen und Fehler zu machen, die Lust auf Eigenverantwortung haben, kritikfähig und lernbereit sind, die idealen „agilen Arbeiter“. In einer solchen Unternehmenskultur können sie sich ausprobieren und entfalten. Ihre Kreativität ist genauso gefordert, wie unternehmerischer Weitblick und Verantwortungsbewusstsein. Sie sind absolute Teamplayer, motiviert durch den gemeinsamen Erfolg. Gleichzeitig bietet ihnen ein agiles Unternehmen die Möglichkeit, ihre Work-Life-Balance nach eigenen Bedürfnissen zu gestalten.

Überfordert von zuviel Freiraum: Nicht jeder kann sich mit agiler Arbeit anfreunden

„Aber andere fühlen sich von so viel Freiheit überfordert“, gibt Karierre-Coach Ragnhild Struss auf stern.de zu bedenken. Menschen, die gerne nach einem genauen Plan vorgehen und in einer einmal erarbeiteten Struktur Sicherheit finden, könnten schnell genervt sein von den wiederholten Richtungswechseln, von denen das agile Arbeiten meist geprägt ist. Darüber hinaus muss man sich damit arrangieren können, dass die eigene Arbeit für alle anderen absolut transparent ist und durch ständige Feedbackschleifen und den regen Austausch im Team immer wieder bewertet wird. Viele fühlen sich dadurch unter Druck gesetzt, weil sie meinen, unter permanenter Beobachtung der Kollegen zu stehen. Introvertierte und schüchterne Menschen könnten sich laut Struss in einem agilen Arbeitsumfeld deshalb ebenfalls unwohl fühlen. Außerdem dürften die offenen, oft kreativ gestalteten Arbeitsräume hochsensible Menschen mit starkem Ruhebedürfnis überreizen oder ablenken, so die Expertin.

Auf Schnupperkurs: Agile Methoden in klassische Abläufe einbinden

Wie heißt es so schön: Probieren geht über Studieren. Egal, ob Sie nun ein idealer Kandidat für das agile Arbeiten sind oder nicht oder es vielleicht selbst gar nicht so genau einschätzen können – probieren Sie es nach Möglichkeit aus. Vielleicht gibt es in Ihrem Unternehmen ja erste Bestrebungen in diese Richtung. Wenn nicht, können Sie diese anregen. Das Gute ist: Das agile Projektmanagement kann wie ein Baukasten genutzt werden. Sie können durch Einzeltechniken wie einem Task Board, das eine Übersicht über alle aktuellen Aufgaben gibt, oder der Persona-Technik, bei der Sie regelmäßig die Perspektive des Kunden einnehmen, klassische Vorgehensweisen ersetzen und so agile Methoden auf eigene Projekte übertragen. Daily-Standup-Meetings zum Beispiel sind kurze Status-Besprechungen im Stehen, die so zeitraubende und zähe Meetings überflüssig machen. Alternativ lässt sich auch ein in sich geschlossenes Projekt als Testballon in einer agilen Methode wie Scrum oder Kanban durchführen. Hier ist es aber ratsam, sich zunächst in der entsprechenden Methode schulen zu lassen und einen erfahrenen Agile Worker in das Team zu integrieren.

Quellen:
https://digitaler-mittelstand.de/business/ratgeber/agiles-arbeiten-was-ist-das-49878
https://www.stern.de/wirtschaft/job/new-work-und-agile-arbeit–aber-ich-will-doch-nur-meinen-job-machen–8918940.html
https://www.haufe.de/personal/hr-management/agilitaet/dimensionen-der-agilitaet-agil-werden-in-sechs-schritten_80_378526.html
https://magazin.lendis.io/was-ist-agiles-arbeiten/

Bildquelle: © Pixel-Shot

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