In den Köpfen vieler Menschen haben sich Vorurteile gegenüber der Zeitarbeit festgesetzt. Werden jedoch diejenigen gefragt, die tatsächlich auch selbst Erfahrung in diesem Bereich gesammelt haben, sieht es ganz anders aus.

Zeitarbeit wird schlecht bezahlt

Das mit Abstand am häufigsten vorgebrachte Argument gegen Zeitarbeit ist die angeblich schlechte Bezahlung. Oft geht es dabei auch um den direkten Vergleich zu festangestellten Kollegen im Kundenunternehmen.

Dabei wird häufig davon ausgegangen, dass ein Personaldienstleister kräftig an dem Einsatz eines Zeitarbeitsnehmers verdient, während die Mitarbeiter selbst nur einen kleinen Teil davon abbekommen. Selbstverständlich gibt es einen Unterschied zwischen dem, was ein entleihendes Unternehmen zahlt und der Summe, die ein Mitarbeiter auf seiner Gehaltsabrechnung findet.

Der Zeitarbeitnehmer ist, wie Sie vielleicht wissen, beim jeweiligen Personaldienstleister angestellt und nicht beim Kundenunternehmen. Das heißt, dass die Firma auch sämtliche Abgaben (bspw. Steuern und Arbeitgeberanteile zu Renten-, Pflege-, Kranken- und Arbeitslosenversicherung) für den Arbeitnehmer bezahlt. Auch wenn es gerade keinen Einsatz für den Arbeitnehmer gibt, bekommt er wie gewohnt sein Gehalt. Die Urlaubstage werden ebenfalls vom Personaldienstleister bezahlt, denn die Kunden zahlen natürlich ausschließlich für die Tage, an denen ein Zeitarbeitnehmer auch für sie arbeitet.

  • Für die Ausführung einfacher Tätigkeiten wird ein Mindestlohn gezahlt, der oberhalb des allgemeingültigen gesetzlichen Mindestlohns von 9€ pro Stunde (West) bzw. 8,50€ (Ost) liegt.
  • In einer ganzen Reihe von Branchen gibt es zudem noch Zuschläge, welche die tarifvertraglichen Sätze erhöhen und Zeitarbeitnehmer so teilweise mehr verdienen als die Stammbelegschaft.
  • 2015 gab es in der Zeitarbeit die größten Tarifsteigerungen (4,3% Ost und 3,5 % West)

So ist es nicht verwunderlich, dass mehr als die Hälfte der im Rahmen der Orizon-Arbeitsmarktstudie 2015 befragten Zeitarbeitnehmer sich mit ihrer Bezahlung zufrieden zeigt.

Es gibt keine Kündigungsfrist für Zeitarbeitnehmer

Viele Menschen glauben, dass Mitarbeiter eines Personaldienstleisters von heute auf morgen ohne Job dastehen könnten. Das ist natürlich nicht der Fall. Die Mitarbeiter haben die gleichen Rechte und Pflichten, wie bei jedem anderen Arbeitgeber. Das gilt nicht nur in Sachen Kündigungsschutz, sondern betrifft beispielsweise auch die Bereiche Arbeitsschutz, Jahresurlaub und die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall.

Ist ein Kundeneinsatz beendet, bleiben die Mitarbeiter beim Personaldienstleister angestellt. Das Unternehmen hat dann sogar ein ureigenes Interesse, den Mitarbeiter möglichst schnell wieder für einen passenden Auftrag zu vermitteln: Auch wenn der Zeitarbeitnehmer nicht eingesetzt wird, kostet er den Personaldienstleister trotzdem Geld.

Zeitarbeit ist nichts für Akademiker

Häufig wird davon ausgegangen, dass vor allem gering qualifizierte Menschen Zeitarbeit als eine attraktive Option sehen. Dies ist allerdings nicht der Fall.

Die Zeitarbeit bietet beispielsweise jungen Menschen, die gerade mit der Schule oder dem Studium fertig sind, eine gute Möglichkeit, um verschiedene Unternehmen kennen zu lernen. Es bieten sich für sie gute Gelegenheiten zum Sammeln von Erfahrungen und auch Kontakten in der Branche. Gerade junge Akademiker, denen es an Praxiserfahrung mangelt, können die Zeitarbeit als Karrieresprungbrett nutzen.

Auch ältere Arbeitnehmer haben es trotz Anti-Diskriminierungsvorschriften oftmals nicht leicht, einen Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt zu schaffen. Zeitarbeit kann ihnen die nötige Gelegenheit geben, um Arbeitgeber von ihren Qualifikationen und Fähigkeiten zu überzeugen.

Schließlich sind da noch all jene, die nach langer Krankheit oder Elternzeit wieder zurück ins Berufsleben möchten. Einige Arbeitgeber sind bei solch längeren Auszeiten skeptisch und zweifeln mitunter die Befähigung des potenziellen Mitarbeiters an. Zeitarbeit ist dann eine gern genutzte Möglichkeit, um die Skeptiker vom Gegenteil zu überzeugen.

Und diese Dienstleistung kann sich für die Arbeitnehmer lohnen: Fast 70 Prozent der im Rahmen der Arbeitsmarktstudie befragten Arbeitnehmer, die bereits in der Zeitarbeit beschäftigt waren, wechselten im Anschluss zum Einsatzunternehmen (hier spricht man vom sogenannten „Klebeeffekt“) oder zu einem anderen Arbeitgeber.

Zeitarbeit verdrängt Stammbelegschaft

Zeitarbeit wird nach wie vor von den meisten Unternehmen in zwei Situationen eingesetzt. Entweder um vorübergehende Auftragsspitzen abzufangen oder um Kandidaten für eine spätere Festanstellung in der Praxis kennen zu lernen. Besonders sehr große Unternehmen nutzen diese Möglichkeit sehr gerne, sodass bei einigen Konzernen der Einstieg fast nur noch über ein vorhergehendes Zeitarbeitsverhältnis möglich ist.

Mit der Zeitarbeit werden also ganz andere Ziele als ein Stellenabbau verfolgt. Auch die Wahrnehmung der Menschen, die mit Zeitarbeitnehmern zusammenarbeiten, spricht dafür. Laut der Orizon Arbeitsmarktstudie empfinden lediglich 16% von ihnen eine Bedrohung des eigenen Arbeitsplatzes durch die Zeitarbeitskollegen.

Ebenfalls ist es nicht ganz unwichtig zu wissen, dass laut iGZ 64% der Zeitarbeitskräfte vor ihrer Anstellung arbeitslos bzw. noch nie erwerbstätig gewesen sind. Diese Zahl spricht dafür, dass mitunter sogar eher Arbeitsplätze geschaffen als abgebaut werden.

 

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Autorenprofil:

Marianne Wolf ist für die Orizon GmbH, einem der Top 10 Personaldienstleister in Deutschland, tätig. Als Personalberaterin unterstützt Sie Bewerber bei ihrer Jobsuche und bietet individuelle Beratung und Betreuung in allen Fragen rund um das Thema Karriereplanung.

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