Was sollten Unternehmen tun und lassen und was können Arbeitnehmer für sich tun, damit am Ende jeder seine Work-Life-Balance findet? Ein Experte nimmt Stellung dazu in diesem Beitrag.

Ein ausgewogenes Verhältnis von Arbeit und Privatleben ist wichtig für eine zufriedene Gesamtsituation und immer mehr Arbeitnehmer machen sich Gedanken darüber, wie sie diese erreichen können. Auch in Unternehmen wird zunehmend über die notwendige Work-Life-Balance der Mitarbeiter diskutiert.

Der Karriere- und Lebenscoach Gilbert Dietrich nimmt hier Stellung zum Thema und verrät, was Unternehmen tun und lassen sollten und auch was Arbeitnehmer für sich tun können, damit am Ende jeder seine Work-Life-Balance findet.

Was verstehen Sie persönlich unter Work-Life-Balance und wie wird der Begriff von Unternehmen verstanden?

„Erst einmal finde ich es gut, wenn Arbeitgeber überhaupt anerkennen, dass ihre Mitarbeiter auch ein Privatleben haben und anfangen, sich um deren wohlverdiente Familien- und Freizeit zu sorgen.

Trotzdem ist der Begriff auch schwierig, weil in ihm so viele Vorannahmen stecken, die jeder für sich selbst machen oder verwerfen sollte. Zum Beispiel trennt der Begriff ganz deutlich Arbeit vom Leben. Dabei ist sie ganz bestimmt ein Teil des Lebens. Für manche mag sie der Sinn des Lebens sein für andere eine nötige Last. Weder die eine, noch die andere Perspektive darf man verurteilen.

Der Begriff scheint auch nahe zu legen, dass wir alle diese Balance finden müssten. Das klingt nach Akrobatik und ist in sich selbst schon wieder schwer. Vielmehr verstehe ich den Begriff als Aufforderung dazu, mir einen Kopf zu machen, was für mich persönlich ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Arbeits- und Freizeit ist. Und zwar heute. Morgen kann das schon wieder ganz anders sein. Das sollte weniger ein Balance-Akt sein, als ein routinierter Entscheidungsprozess, der mein Arbeitsleben ganz selbstverständlich begleitet und ständige Anpassungen zulässt.

Und warum heißt es eigentlich nicht Life-Work-Balance? Und gibt es überhaupt die Balance oder ist das nicht immer sehr individuell? Hier gibt es sicher auch Missverständnisse auf Seiten der Firmen, die sich sehr wohlmeinend um die Work-Life-Balance bemühen: Sie suchen nach einer ‘One-fits-all-Lösung’.“

Was sollten Unternehmen ihren Mitarbeitern anbieten, damit die zu einer ausgewogenen Work-Life-Balance gelangen?

„Unternehmen sollten auch etwas von der Flexibilität zurückgeben, die sie immer von ihren Mitarbeitern verlangen: Flexible Arbeitszeiten, womöglich einen Tag in der Woche Home Office anbieten, vielleicht Arbeitszeit-Konten, vor allem aber die Verantwortung für Arbeitszeiten an ihre Mitarbeiter geben. Die kriegen das schon selbst hin. Produktivität und Zielerreichung hat ja nur bedingt etwas mit der Menge an investierter Zeit zu tun. Was sicher auch zum Wohlergehen und damit besserer Produktivität beitrüge, wären Rückzugsräume nahe am Arbeitsplatz, wo man auch mal 20 Minuten dösen kann.“

Welche Maßnahmen von Unternehmen halten Sie für wenig sinnvoll?

„Alles, was alle über einen Kamm schert, halte ich für Blödsinn. Alle E-Mail-Server ab 19 Uhr sperren. Klingt erst mal gut, verringert den Druck, auch am Abend E-Mails des Chefs zu lesen. Klappt aber nicht, wenn es Leute gibt, die lieber morgens länger schlafen und dafür abends arbeiten wollen. Deren Balance wird damit eher eingeschränkt. Auch flächendeckendes Home Office ist, wie wir gerade bei Yahoo! sehen konnten, offenbar wenig hilfreich. Jeder hat seine eigenen Arbeitsrhythmen und kennt sich selbst am besten. Natürlich kann auch jede Rolle oder Funktion jeweils andere Anwesenheitszeiten erfordern. Wenn man diese Grundsätze bei den geplanten Maßnahmen berücksichtigt, wird alles gut.“

Wie lautet Ihr Rat an jeden Einzelnen, der die Balance zwischen Job und Privatleben sucht?

„Hören Sie auf sich selbst, beobachten Sie sich. Wann sind Sie müde, wann entspannt und wann arbeiten Sie gerne? Finden Sie Ihren eigenen Rhythmus und passen Sie Ihre Arbeit daran an. Wenn starre Regeln Ihres Arbeitgebers das nicht zulassen, dann finden Sie Wege, das anzumahnen. Regeln sind immer da, um revolutioniert zu werden, nehmen Sie diese also nicht als für immer gegeben hin. Suchen Sie das Gespräch mit HR, mit ihrem Chef, kämpfen Sie im Zweifel für Ausnahmeregeln, die nur für Sie gelten.

Eine gute Frage, die sich jeder selbst stellen kann ist: Halte ich es so, wie es jetzt läuft, auf unbestimmte Zeit und mit ausreichender Zufriedenheit durch? Wer darauf „ja“ sagt, kann davon ausgehen, dass er seine Balance für den Moment gefunden hat. Dann sollte man sich diese Frage immer wieder mal stellen. Wer sie mit „nein“ beantwortet, sollte abbremsen und weiterfragen: Was will ich wirklich? Was muss ich selbst machen, was kann ich abgeben oder einfach sein lassen? Klären Sie Ihre Prioritäten für sich selbst, dann wird sich ganz von allein zeigen, wie Sie nachhaltig weitermachen können.

Ich denke, dass kein Arbeitgeber, kein Coach oder Arzt irgendjemandem von uns das Denken und Entscheiden abnehmen kann. Sich selbst gut kennen, ist immer noch das beste Mittel, um ein selbstbestimmtes Leben in der eigenen Balance zu führen. Es hilft aber ungemein, wenn Arbeitgeber das strukturell vorbereiten und sei es erst einmal durch ein Lippenbekenntnis wie Work-Life-Balance, auf das man die Firmen dann festnageln muss.“

 


Gilbert Dietrich ist Coach und Personalleiter des Internet-Unternehmens Unister. Auf seinem Blog Geist und Gegenwart schreibt er über Arbeit, Philosophie und Psychologie.

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