Beschäftigte in Deutschland bekommen nur jede zweite Überstunde bezahlt oder durch Freizeit ausgeglichen. Wer einen glaubhaften Nachweis über die Mehrarbeit erbringt, kann vom Chef die Zahlung von Überstunden rückwirkend für drei Jahre einfordern.

Deutsche Arbeitnehmer sind fleißig. Die Arbeit muss eben gemacht werden und etwas unerledigt auf dem Tisch liegen zu lassen, widerstrebt den meisten von uns. Der wohlverdiente Feierabend ist in Gefahr, weil die Gedanken unweigerlich zurück an den Arbeitsplatz wandern. Vielleicht ist das einer der Gründe, warum wir Deutschen regelmäßig mehr arbeiten als wir eigentlich müssten. Zwölf Überstunden sammeln sich im Schnitt monatlich an, so das Ergebnis einer Studie des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH). Auch das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) veröffentlichte diesbezüglich beeindruckende Zahlen: Allein im ersten Quartal dieses Jahres wurden in deutschen Unternehmen über 328 Millionen Überstunden geleistet. Seit 2009 summieren sich diese mittlerweile auf über vier Milliarden.

Gesundheitsrisiko für den Arbeitnehmer

Für den Arbeitnehmer ist das keineswegs gesund. Die Konzentration nimmt mit jeder Überstunde ab, die Fehlerquote hingegen steigt. Zudem sind die Erholungsphasen zwischen den Arbeitstagen zu kurz, um sich vollständig zu regenerieren. Das heißt, das Defizit wird mit in den nächsten Tag genommen, an dem schon neue Überstunden anstehen. Auf Dauer ein Gesundheitsrisiko mit erschreckenden Folgen: Britische Forscher belegten in einer Langzeitstudie mit rund 6000 Menschen, dass Angestellte, die drei bis vier Überstunden am Tag leisten, viel öfter an Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Herzinfarkten und Angina Pectoris leiden.

Männer arbeiten länger umsonst

Die Arbeitgeber hingegen konnten sich bislang die Hände reiben. Denn von den vier Milliarden Überstunden haben sie ihren Angestellten womöglich nur die Hälfte bezahlt. Laut IHW-Studie leistete im Jahr 2010 jeder Arbeitnehmer im Durchschnitt 12,3 Überstunden pro Monat. Davon wurden aber lediglich 6,9 Stunden bezahlt oder durch Freizeit ausgeglichen.. Männliche Beschäftigte arbeiten monatlich im Durchschnitt 4,3 Stunden ohne Entlohnung, ihre Kolleginnen ca. 2,1 Stunden. Nicht selten haben Arbeitgeber jeden Protest mit einem Verweis auf den Arbeitsvertrag im Keim erstickt. „Überstunden sind mit dem Gehalt abgegolten“ heißt es da meist schwammig.  Doch diese Formulierung hat keinen Bestand mehr.

Vage Formulierungen sind ungültig

Laut Bundesarbeitsgericht (BAG) muss die Überstundenvergütung vertraglich konkret geregelt sein, sonst muss der Arbeitgeber die zusätzlichen Stunden zahlen. Ist die Formulierung zu vage, könnten Angestellte nicht einschätzen, welches Arbeitspensum auf sie zukommt und wie viel sie letztendlich für den vereinbarten Lohn arbeiten müssen. Haben sie weniger als 67.200 Euro im Jahr verdient (57.600 in den neuen Bundesländern), können sie dann die Zahlung von Überstunden rückwirkend für drei Jahre einfordern, vorausgesetzt – und da liegt der Hase im Pfeffer – sie können die Mehrarbeit glaubhaft nachweisen.

Jeder Zweite hat ein Arbeitszeitkonto

In Unternehmen mit Stechuhr ist das kein Problem. In allen anderen Fällen obliegt dem Arbeitnehmer die Beweispflicht. Das heißt, er muss klar dokumentieren, wann und für welche Tätigkeiten Überstunden angefallen sind und dass diese vom Vorgesetzten angeordnet wurden. Das ist im Nachhinein mehr als schwierig. Arbeitszeitkonten sind mittlerweile ein beliebtes Instrument, um gerichtliche Auseinandersetzungen von vorn herein zu vermeiden. Laut IAB verfügen mittlerweile rund 50 Prozent der Beschäftigten über ein solches Konto. Vor zwanzig Jahren galt das erst für 25 Prozent in Westdeutschland und für vier Prozent in Ostdeutschland. Mit einem Arbeitszeitkonto werden bezahlte Überstunden zum Teil durch sogenannte transitorische Überstunden ersetzt, die nicht extra vergütet, sondern durch Freizeit ausgeglichen werden. Ein Trend, den auch die IWH-Studie bestätigt: Seit 1991 ist die Anzahl der bezahlten Überstunden um etwa zwei Drittel zurückgegangen. Dafür feiern Arbeitnehmer heute deutlich mehr Stunden ab, als noch vor 20 Jahren.

Tipps für einen gerechten Überstundenausgleich

Falls Sie kein Arbeitszeitkonto besitzen für Ihre Überstunden, aber dennoch gerecht entlohnt werden wollen, empfehlen wir Ihnen folgendes:

  • Prüfen Sie Ihren Vertrag, sowie den gültigen Tarifvertrag und Betriebsvereinbarungen auf eine konkrete Überstundenregelung. Zum Beispiel: „Mehrarbeit von bis zu 3 Stunden gilt als abgegolten. Darüber hinausgehende Mehrarbeit wird mit 35 Euro pro Stunde vergütet.“
  • Gibt es keine klare vertragliche Regelung, sprechen Sie Ihren Chef darauf an mit dem Ziel einer einvernehmlichen Lösung.
  • Auch Gespräche mit Kollegen oder dem Betriebsrat können weiterhelfen
  • Notieren Sie sich Ihre Überstunden mit kurzer Erläuterung der Tätigkeit immer im Kalender. Für die Dokumentation von Mehrarbeit gibt es inzwischen auch kostenlose Excel-Sheets im Internet oder Apps für das Smartphone.
  • Lassen Sie sich Mehrarbeit bzw. Überstunden per Email von Ihrem Vorgesetzten anordnen oder eine mündliche Anordnung nochmals per Email bestätigen.
  • Senden Sie Ihrem Vorgesetzten am Abend eine kurze Info per Mail, dass Sie Ihre Arbeit erledigt haben und nun Feierabend machen.

(Quellen: iwh-halle.de, faz.de, WDR, welt.de, iab.de)