Lampenfieber und Redeangst sind wohl die größten Hürden vor einem öffentlichen Auftritt und lassen sich auch nicht einfach mal so abschalten. Andrea Joost, Trainerin für wirkungsvolles Reden und sprachliche Cleverness, verrät Ihnen, wie Sie dennoch die Symptome lindern und mit der Aufregung Frieden schließen können.

Plötzlich fängt das Herz an zu klopfen, der Kopf ist leer und die Stimme droht jeden Moment zu versagen. Die meisten Menschen sind vor einer Rede mehr oder weniger nervös, unabhängig davon, wie erfahren und kompetent sie sind.

Die einen haben Angst, sich zu blamieren und den eigenen (hohen) Ansprüchen nicht zu genügen. Die anderen fürchten sich vor den Reaktionen des Publikums: Halte ich kritischen Fragen stand? Wie gehe ich damit um, wenn die Leute mich nicht mögen? Wieder andere werden unruhig, wenn sie an unkalkulierbare Zwischenfälle denken, wie zum Beispiel den kaputten Beamer oder das rauschende Mikrofon.

Unangenehme Symptome lindern

Wie schön wäre es, wenn man die Angst einfach auf Knopfdruck ausschalten könnte! Leider ist das unrealistisch, auch wenn sich die unangenehmen Symptome natürlich lindern lassen. Zum Beispiel, wenn Sie rechtzeitig vor Ort sind und sich schon einmal mit Ihrem Umfeld vertraut machen oder vor Ihrer Rede ein paar Worte mit den Zuhörern wechseln. Dadurch wird die anonyme Masse „Publikum“ persönlich und ist nicht mehr so angsteinflößend. Vielleicht gehen Sie auch kurz an die frische Luft, um die Muskeln zu lockern und Sauerstoff zu tanken. Wenn Sie dabei möglichst lang und bewusst ausatmen, wird der Kopf schnell klarer.

Allerdings: Selbst mit der besten Entspannungsübung und positivem Denken löst sich das Lampenfieber nicht einfach so in Luft auf. Ganz im Gegenteil. Je mehr Sie sich darauf konzentrieren, die Angst loszuwerden, desto hartnäckiger zeigt sie sich häufig. Im schlimmsten Fall wird der Druck jetzt immer größer. Ein Teufelskreis beginnt – die Angst vor der Angst.

Die verschiedenen Funktionen der Angst

Sie wollen die Situation entschärfen? Dann hören Sie bitte damit auf, gegen die Aufregung zu kämpfen. Nutzen Sie Ihre Energie, um das Lampenfieber anzunehmen und sich mit dem Adrenalinschub vor Ihrer nächsten Rede zu versöhnen. Auch wenn das jetzt vielleicht merkwürdig klingt: Es ist okay, dass die Angst da ist. Sie meint es gut mit Ihnen!

Angst sorgt dafür, dass wir uns weiterentwickeln. Das flaue Gefühl meldet sich in der Regel dann, wenn wir an persönliche Grenzen stoßen. Schließlich verlangt der Schritt nach vorne auf die Bühne eine ordentliche Portion Mut. Zu verlockend ist es jetzt, sich in sein Schneckenhaus zurückzuziehen und die Komfortzone zu hüten. Aber genau diese Angstsituationen geben uns die Chance, zu wachsen und über unseren eigenen Schatten zu springen. Denken Sie nur an das gute Gefühl, wenn Sie sich der Herausforderung gestellt haben.

Angst sorgt dafür, dass wir die Situation ernst nehmen. Das beginnt schon bei der Vorbereitung. Mit dem nötigen Kribbeln im Bauch beschäftigen Sie sich gleich viel intensiver mit Ihrem Thema und Ihrem Auftritt. Sie stellen nicht nur sicher, dass Sie fachlich sattelfest sind, sondern behalten auch Ihre Zuhörer fest im Blick: Welche Wünsche und Bedürfnisse hat mein Publikum? An welchen Punkten muss ich mit Widerstand rechnen? Wie kann ich meine Zuhörerschaft wirklich überzeugen? So spulen Sie nicht nur ein Standardprogramm ab, sondern liefern Ihrem Publikum echte Mehrwerte.

Angst sorgt dafür, dass wir zu Hochtouren auflaufen. Der Adrenalinschub pusht Sie – selbst wenn Sie vor lauter Nervosität die halbe Nacht wach gelegen haben oder Ihnen eine Erkältung zu schaffen macht. Sie sind nicht nur hellwach und präsent, sondern kommen gleich auch lebendiger rüber. Natürlich kann es trotzdem passieren, dass Ihre Knie wackeln oder die Stimme ein bisschen zittert. Das ist aber nicht schlimm. Zum einen bekommt das Publikum nur einen Bruchteil ihrer Aufregung mit. Zum anderen ist Lampenfieber total menschlich und lässt Sie sympathisch wirken.

Einen Aus-Schalter für das ungeliebte Lampenfieber gibt es nicht. Lassen Sie sich trotzdem künftig von zitterigen Knien und Nebel im Kopf nicht mehr verunsichern. Wenn wir innerlich Frieden schließen mit der Angst, ist das die beste Voraussetzung dafür, dass wir ruhiger werden und uns wirklich entspannen.


Andrea Joost ist Mitglied bei Karriereexperten.com. Sie ist Trainerin für wirkungsvolles Reden und sprachliche Cleverness. Die studierte Diplom-Betriebswirtin (BA) und ausgebildete Verkaufstrainerin war viele Jahre Vertriebsdirektorin einer großen Investmentgesellschaft, bevor sie sich 2011 selbstständig machte. Ihr Buch Mit Worten bewegen: Präsentationen und Reden, die wirklich begeistern“ ist im Dezember 2012 im Wiley-VCH Verlag erschienen. Mehr Infos: www.andreajoost.de

Bildquelle: Andrea Joost