Die Hightech-Branche in Deutschland boomt. Ingenieure und IT-Spezialisten sind auf dem Arbeitsmarkt so gefragt wie kaum eine andere Berufsgruppe. Unternehmen, die ihre Produktion durch eine Digitalisierung und Automatisierung zukunftsfähig machen, werden Fachkräfte benötigen, die das Knowhow aus beiden Bereichen verbinden.

Seit Jahren ist die Hightech-Branche der Motor der deutschen Wirtschaft. Für Unternehmen im Bereich IT und Telekommunikation prognostizierte der Hightech-Verband Bitkom zur CeBIT ein Gesamtwachstum von 1,5 Prozent in diesem Jahr. Bitkom-Präsident Dieter Kempf sprach in diesem Zusammenhang von knapp einer Million Beschäftigten in der Branche – und es werden mehr gebraucht. Nach wie vor bremst der Fachkräftemangel die Entwicklung. 16.500 unbesetzte Stellen gibt es derzeit in ITK-Unternehmen, in den so genannten Anwenderbranchen sind es weitere 24.500, so das Ergebnis einer aktuellen Bitkom-Studie zum Arbeitsmarkt für IT-Fachkräfte.

Alles automatisch

Neben den klassischen Berufsbildern von Informatikern und IT-Fachkräften verstärkt ein neuer Trend in der Hightech-Branche die Nachfrage nach besonderen Spezialisten. Unter dem Schlagwort „Industrie 4.0“ zeichnet sich in deutschen Unternehmen eine innovative Entwicklung ab, die laut Experten spannende Job-Profile mit sich bringen wird. Industrie 4.0 steht für die umfassende Digitalisierung in den Produktionshallen deutscher Industrieunternehmen. Intelligente Fertigungsanlagen kommunizieren selbständig mit den Produkten, passen sich flexibel an die jeweilige Situation an und ermöglichen so eine individualisierte Massenproduktion bei minimaler Fehlerquote.

10.000 zusätzliche Arbeitsplätze mit neuen Aufgabenbereichen

Nun mag die Aussicht auf eine Roboterbelegschaft für Auszubildende, Studierende und Jobsuchende alles andere als motivierend sein. Tatsächlich aber werde das Vorantreiben der vernetzten Produktion bis 2018 in Deutschland zu 10.000 zusätzlichen hochqualifizierten Arbeitsplätzen führen, sagte der Präsident des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagebau (VDMA), Reinhold Festge, während der Hannover Messe. Gesucht würden vor allem Informatik-Ingenieure, Software-Designer sowie Automatisierungstechniker. 2000 freie Stellen gäbe es jetzt schon. In einer aktuellen Studie der Boston Consulting Group ist sogar von insgesamt 390.000 neuen Arbeitsplätzen die Rede, die durch den Trend hin zur Industrie 4.0 entstehen könnten.

Eine menschenleere Fabrik muss wohl niemand befürchten, da sind sich die Experten einig. „Es wird erstens weiter auch Arbeiter geben, die gemeinsam mit Robotern arbeiten“, sagt Michael Rüßmann von der Boston Consulting Group. „Zweitens werden Arbeitsplätze in der Fertigung IT-lastiger, das heißt, es entstehen andere Arten von Arbeitsplätzen.“ Bestes Beispiel hierfür ist das Elektronik-Werk Amberg von Siemens. Es gilt als Vorzeigewerk in Sachen „Digitale Fabrik“ – Industrie 4.0 ist hier keine Zukunftsmusik, sondern schon weit fortgeschritten. Trotzdem ist die Anzahl der Beschäftigten nahezu gleich geblieben. Etwa 1.100 Mitarbeiter arbeiten in Schichten im EWA. Und das obwohl 75 Prozent der Wertschöpfungskette von Maschinen und Computer eigenständig bewältigt werden, ein Viertel der Arbeit wird von Menschen erledigt. Dadurch hat sich seit 1989 das Produktionsvolumen versiebenfacht und die Mängelquote konnte von 500 defects per million (dpm, 500 Fehler pro einer Million Fehlermöglichkeiten) auf 12 dpm gesenkt werden.

In vielen Bereichen bleiben Menschen unersetzlich

Ganz ohne den Menschen, also nur mit Maschinen, stünde die Produktion im EWA aber dennoch still. Bei der Entwicklung von Produkten und ihrem Design, bei der Produktionsplanung oder auch bei unerwarteten Zwischenfällen sind qualifizierte Fachkräfte unverzichtbar. Auch auf die zündenden Ideen, wie sich das System weiter optimieren lässt, kommen die effizienten Maschinen nicht von selbst. Die Verbesserungsideen der Mitarbeiter in Amberg sind für 40 Prozent der jährlichen Produktivitätssteigerung verantwortlich.

Neue Ausbildungsberufe und interdisziplinäre Studiengänge

Die Digitalisierung von Arbeitsprozessen wie im Elektronik-Werk Amberg wird sich wohl vor allem im Automobil- und Maschinenbau, in der Elektrotechnik und in der Logistik etablieren. Hier werden Fachkräfte benötigt, die Knowhow aus IT- und Ingenieurswissenschaften verbinden können, denn eine klare Trennung von Produktionstechnologie und IT-Services wird dann kaum noch möglich sein. Der Branchenverband Bitkom ist sich sicher, dass sich mittelfristig neue interdisziplinäre Ausbildungsberufe etablieren werden. Als Beispiel nennt er den Produktionstechnologen, einen IT-Spezialisten, der sich auf den Bereich Industrieproduktion fokussiert und grundlegende Zusammenhänge von Produktionslogistik und -abläufen beherrscht. Aber auch ausgebildete IT-Fachkräfte wie zum Beispiel Fachinformatiker werden sich im Rahmen von Weiterbildungen Industrie 4.0-Kompetenzen aneignen können. Neben neuen Aus- und Weiterbildungsmodellen empfiehlt der Verband den Auf- und Ausbau von Hybridstudiengängen an Hochschulen im Bereich der Produktionsinformatik.

Regierung sieht ungenutzte Potenziale auch bei Studienabbrechern

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) sieht beim Fachkräftebedarf für technische und innovationsorientierte Berufe ungenutzte Potenziale vor allem bei Frauen, älteren Arbeitnehmern, Migranten und Jugendlichen. Durch eine bessere Durchlässigkeit zwischen beruflicher und akademischer Bildung will das Ministerium die Ausbildungsangebote erweitern und flexible Weiterbildungs- und Aufstiegsmöglichkeiten für Fachkräfte bereitstellen. Über sogenannte „Jobstarter plus“-Projekte können Studienabbrecher leichter in eine passende Ausbildung wechseln. Und auch über die Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse will die Bundesregierung dem Fachkräftemangel in der Hightech-Branche entgegenwirken. Portale wie „Make it in Germany“ oder „Research in Germany“ informieren Migranten über das Leben und ihre Arbeitsmöglichkeiten in Deutschland.


Quellen: www.bmbf.de, www.bitkom.de, www.siemens.com, www.spiegel.de

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