Die deutsche Arbeitswelt wird immer internationaler. Wie man dabei die große Herausforderung der kulturellen Unterschiede meistert, erklärt hier der Experte für interkulturelle Kompetenz Markus Eidam.

Seit Beginn des neuen Jahrtausends sind die internationalen Geschäftsbeziehungen deutscher Unternehmen rasant gewachsen. So wird nicht nur eine Vielzahl von deutschen Produkten im Ausland verkauft, auch die Belegschaft vieler Unternehmen wird durch Zukäufe von ausländischen Firmen und die zunehmende Einwanderung von ausländischen Fachkräften immer internationaler.

Zahlreiche kulturelle Unterschiede werden zur Herausforderung

So weit so gut. Wäre da nicht die große Herausforderung der kulturellen Unterschiede. Durch Erziehung und religiöse Unterschiede verhalten sich die Menschen aus anderen Ländern teilweise komplett konträr zu dem, was wir in Deutschland als „normal“ ansehen. Dies bedeutet auf der Makroebene, dass beispielsweise Verhandlungen unterschiedlich ablaufen, dass ausländische Mitarbeiter auf andere Weise geführt werden wollen oder dass internationale Kunden ungewohnte Ansprüche an eine gute Betreuung oder ein perfektes Produkt haben.

Aber auch auf der Mikroebene gibt es zahlreiche Unterschiede, so müssen Sie in China Kritik zum Beispiel ganz anders vermitteln, als Sie dies in Deutschland gewohnt sind. Oder E-Mails und Telefonate müssen anders geführt werden, um beispielsweise einen arabischen Geschäftspartner zu überzeugen. Ganz abgesehen von vielen religiösen Fettnäpfchen, in die man als unwissender Ausländer nur allzu gern tritt.

Über 40 Prozent internationaler Geschäftsübernahmen scheitern

Beachtet man diese interkulturellen Unterschiede nicht, kommt es schnell zu Missverständnissen und Problemen bei der Zusammenarbeit. Nicht ohne Grund scheitern über 40 Prozent aller internationalen Geschäftsübernahmen aufgrund unüberbrückbarer Unterschiede bei der Zusammenarbeit.

Was bedeutet dies für Sie als Arbeitnehmer? Unternehmen stellen mittlerweile immer größere Anforderungen an die Internationalität ihrer Belegschaft. So müssen Sie nicht nur damit rechnen, für das ein oder andere Projekt im Ausland zu arbeiten. Sie sollten auch wissen, welche „Knöpfe“ Sie bei Ihren ausländischen Kollegen, Geschäftspartnern und Kunden „drücken“ müssen, um Ihre beruflichen Ziele auch wirklich zu erreichen. Oder anders ausgedrückt: Sie sollten interkulturell kompetent sein!

Was ist interkulturelle Kompetenz?

Interkulturelle Kompetenz besteht einerseits aus dem Wissen über kulturelle Unterschiede (beispielsweise über Hierarchien in Russland) und andererseits aus der korrekten Anwendung dieses Wissens.

Die Vermittlung von interkulturellem Know-how geschieht idealerweise über ein Interkulturelles Training oder Interkulturelles Coaching. Selbstverständlich stehen in diesem Zuge auch anderen Quellen wie eLearning-Module oder Bücher zur Verfügung.

Die Anwendung ist, wie bei vielen anderen Themen auch, letztendlich die Königsdisziplin. Da man sein eigenes Verhalten von klein auf gelernt hat, läuft man schnell Gefahr, zu gewohnten Vorgehensweisen zurückzukehren. Ein Beispiel: Ich weiß eigentlich, dass ich beim Umgang mit hierarchie-orientierten Mitarbeitern wesentlich autoritärer Auftreten muss, um meine Ziele zu erreichen. Dies ist beispielsweise oft in Japan oder China der Fall: Das Verhalten von Führungskräften gegenüber unterstellten Mitarbeitern ist hier eher autoritär, wenn nicht sogar abwertend. Da ich es aus Deutschland jedoch anders gewohnt bin, verhalte ich mich unter Umständen (automatisch) zu kollegial und werde deshalb im Fall der Fälle als Führungskraft nicht respektiert.

Die zweite große Hürde ist, dass sich die Menschen eines Landes nie auf die gleiche Art und Weise verhalten. Ähnlich wie in Deutschland, wo man den ruhigen Ostfriesen niemals mit dem sparsamen und geschwätzigen Schwaben vergleichen würde, verhält sich auch ein Inder nicht wie der nächste.

Das eigene Verhalten anpassen und Vertrauen gewinnen  

Dementsprechend gehört zu Interkultureller Kompetenz vor allem ein Gespür für den Menschen, der mir gegenüber steht. So einfach diese Aufgabe auch klingen mag, so schwierig ist sie dennoch: Mit dem Wissen aus Interkulturellen Trainings muss ein Arbeitnehmer, der mit ausländischen Gesprächspartnern im Kontakt steht, vor allem eine gute Beobachtungsgabe sowie ein gutes Zuhörverhalten an den Tag legen. Nur so erfahren Sie, worauf beispielsweise Ihr US-amerikanischer Kunde wert legt. Haben Sie diese Hürde genommen, heißt es, das eigene Verhalten so anzupassen, dass die kulturellen Unterschiede zu Ihrem Gegenüber nicht allzu groß sind. Denn nur so entsteht das für fruchtbare Arbeitsbeziehungen so wichtige Vertrauen.

Vorher über kulturelle Stolpersteine informieren

Wie Sie vielleicht bemerkt haben, ist Interkulturelle Kommunikation ein sehr breites Thema und die kulturellen Unterschiede sind weltweit sehr groß und vielfältig. Meine Empfehlung lautet daher: Informieren Sie sich (zumindest oberflächlich; besser jedoch ausführlich) über die kulturellen Stolpersteine in Ihrem Zielland, bevor Sie eine Auslandsreise oder ein internationales Projekt angehen! Denn nur weil Ihr ausländischer Geschäftspartner Sie nicht spüren lässt, dass Sie von einem Fettnapf in den nächsten treten, heißt es nicht, dass Sie alles richtig machen. Denn, und das ist ein weiterer kultureller Unterschied zu Deutschland, viele Menschen im Ausland sind schlichtweg zu höflich, um Fehler Fremder offen anzusprechen.


Über den Autor
Markus Eidam ist Geschäftsführer des Unternehmens Eidam & Partner, welches seit dem Jahr 2004 Interkulturelles Training, Interkulturelles Coaching, eLearning und Beratung zum Auslandsgeschäft von Unternehmen anbietet. Zum Expertenpool des Anbieters gehören 140 Trainer und Berater, die Dienstleistungen zu mehr als 80 Zielländern anbieten. Weitere Informationen zu den angebotenen Weiterbildungen des Unternehmens finden Sie unter www.eidam-und-partner.de

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