Schmerzender Rücken, verspannter Nacken, Migräne und Augenleiden – durch mangelnde Ergonomie am Arbeitsplatz kommt es immer wieder zu Arbeitsausfällen bis hin zu chronischen Erkrankungen der Mitarbeiter. Dabei können schon kleine Änderungen in der Einstellung und Anordnung von Büromöbeln und Arbeitsgeräten eine große Wirkung haben.

Haben Sie gewusst, dass die Position Ihrer Handballen entscheidend für Ihr Wohlbefinden sein kann? Liegen diese nämlich nicht auf, während Sie fleißig auf der Tastatur vor sich hin tippen, verspannen sich die Muskeln im Schulter- und Nackenbereich und verursachen fiese Schmerzen – genau wie ein zu tief aufgestellter Monitor, ein zu niedriger Schreibtisch und ungünstiger Lichteinfall. Jeder Arbeitnehmer hat ein Recht auf einen ergonomisch gestalteten Arbeitsplatz, denn das obliegt der Führsorgepflicht des Arbeitgebers. Trotzdem geht statistisch gesehen jede vierte Krankschreibung auf Probleme im Muskel-Skelett-Bereich zurück.

Bestandsoptimierung vor Neuanschaffung

Erfahrungen zeigen, dass 95 Prozent der Bürostühle falsch eingestellt sind. Fehlbelastungen und Fehlhaltungen sind die Folge. Hält dieser Zustand länger an, werden aus leichten Anfangsbeschwerden häufig behandlungsbedürftige Leiden, weiß Medizinjournalist Dr. Christian Erhard. Gemeinsam mit Physiotherapeutin und Ergonomie-Expertin Petra Stehle hat er den Leitfaden Gute Ergonomie entwickelt. Verspannte Schreibtischtäter erfahren darin, dass Ergonomie meist keiner großen Investitionen bedarf und oft schon wenige Zentimeter ausschlaggebend sind für eine gesunde Arbeitsposition. Umso wichtiger seien deshalb Sorgfalt und Genauigkeit bei der Anpassung von Mobiliar und Arbeitsgeräten. „Bestandsoptimierung vor Neuanschaffung“, so die Devise der beiden Autoren.

„Die meisten Fehler werden gemacht, weil nicht systematisch vorgegangen wird“, erklärt Petra Stehle, die sich schon seit vielen Jahren mit dem Thema beschäftigt und Unternehmen bei der Einrichtung von Arbeitsplätzen berät. Stuhl, Tisch und Arbeitsmittel müssen nämlich in der richtigen Reihenfolge an die individuellen Bedürfnisse des Benutzers angepasst werden – erst der Stuhl, dann die Tischhöhe und zuletzt werden Arbeitsmittel wie Maus, Tastatur, Bildschirm und Telefon korrekt ausgerichtet und angeordnet. Nicht nur Größe und Gewicht des Mitarbeiters spielen dabei eine Rolle, sondern auch die zu erledigenden Aufgaben.

Auf diese Einstellungen sollten Sie achten

Was viele Arbeitnehmer nicht wissen: Ein Schreibtischstuhl muss nicht nur die optimale Sitzhöhe (Kniegelenk im rechten oder leicht stumpfen Winkel) haben, sondern auch die für den Mitarbeiter passende Sitztiefe. Ist diese zu groß, also die Sitzfläche zu lang, rutscht man unweigerlich nach vorn und verliert den Kontakt zur Rückenlehne und somit eine wichtige Stützfunktion. Ist die Sitzfläche wiederum zu kurz, muss die Beinmuskulatur den fehlenden Halt ausgleichen und verspannt schneller. Sie sitzen richtig, wenn bei sehr gutem Kontakt des Beckens zur Rückenlehne drei Finger quer zwischen Kniekehle und Stuhlvorderkante passen.

Achten Sie außerdem darauf, dass Ihre Armlehnen eine Verlängerung der Schreibtischfläche sind und der Tisch nicht zu hoch oder zu tief eingestellt ist. Das Licht sollte seitlich auf den Monitor fallen und dieser zentral vor Ihnen stehen, ohne dass Sie beim Tippen den Kopf nach rechts oder links drehen müssen. Unter Ihren Tisch dürfen weder Papierkorb noch Rollcontainer oder Kabelsalat die Bewegungsfreiheit Ihrer Beine einschränken. Ausreichend Bewegung ist übrigens immer noch das beste Mittel gegen Rückenschmerz & Co. Deshalb stehen Sie ruhig beim Telefonieren auf und positionieren Sie Drucker oder Papierkorb so, dass Sie aufstehen müssen, um dorthin zu gelangen.

Die Umstellung kann schmerzhaft sein

Wundern Sie sich aber nicht, wenn Ihr Körper trotz Arbeitsplatzoptimierung erst einmal rebelliert. Ergonomisch korrekte Einstellung bewirken laut Stehle und Erhard zwar eine sofortige Verbesserung der körperlichen Belastungssituation, allerdings brauche der Körper Zeit, um sich an die neuen Haltungsmuster zu gewöhnen. Nach jahrelanger Fehlhaltung kann das anfangs durchaus unangenehm oder gar schmerzhaft sein und zum Beispiel zu einem Muskelkater führen.

Nahles will Ergonomie auch im Homeoffice

Arbeitsministerin Andrea Nahles will künftig noch einen Schritt weiter gehen. Nicht nur im Unternehmen sollen Arbeitgeber auf die Einhaltung ergonomischer Vorgaben achten, die Ministerin will auch die Bürogestaltung im Homeoffice neu regeln und die Arbeitgeber stärker in die Pflicht nehmen. Während Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer dies als „bürokratischen Unsinn bezeichnet“, argumentiert der stellvertretende Hauptgeschäftsführer der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) Walter Eichendorf gegenüber Spiegel Online: „Warum sollten für Arbeitsplätze, die 30 Kilometer von der Firma entfernt liegen, andere Regeln gelten als in der Firma selbst? Büroplätze, die Migräneattacken fördern, sind in keinem Unternehmen erlaubt und natürlich auch nicht zu Hause. Ein Chef, der etwas anders fordert, erweist sich selbst einen Bärendienst.“


Quellen: www.gute-ergonomie.de, www.spiegel-online.de, www.arbeitssicherheit.de

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