Das sogenannte Downshifting, wörtlich übersetzt „Runterschalten“, wird schnell missverstanden als ein Arbeitsmodell, bei dem man grundsätzlich weniger arbeitet. Doch hinter dem Konzept steckt vielmehr eine Entscheidung zur beruflichen Veränderung. Wie diese Veränderung umgesetzt werden kann, erklärt hier der Experte für berufliche Neuorientierung Bernd Slaghuis.

„Für mich heißt Downshifting nicht weniger zu arbeiten, sondern bewusst die Entscheidung zu treffen aus dem Hamsterrad auszusteigen und ein Leben mit mehr Selbstbestimmtheit zu führen“, sagt Bernd Slaghuis. „Diese bewusste Entscheidung kann vielleicht auch beinhalten, kürzer zu treten und weniger Stunden zu arbeiten, so muss es aber nicht aussehen.“

Die eigenen Werte und Ziele hinterfragen

Der Experte beobachtet bei vielen Menschen eine ähnliche Entwicklung, die sie im Laufe ihrer Karriere durchmachen: Am Anfang eines Berufslebens nehmen häufig Geld, Ruhm oder Erfolg einen hohen Stellenwert ein. Im Laufe der Zeit, meist mit Mitte bis Ende 40 tritt ein Umdenken ein: Die Arbeit muss Sinn machen, der Wunsch nach Kollegialität und Passion für den eigenen Job wird größer.

„Es ist ein Merkmal unserer Leistungsgesellschaft, dass wir häufig im Laufe unseres Berufslebens vergessen, unsere Werte zu hinterfragen und unsere Ziele entsprechend anzupassen. Die Karriere läuft meist von selbst und wir hinterfragen nicht, ob wir das überhaupt noch so wollen“, erklärt Bernd Slaghuis. „Runterschalten wollen Arbeitnehmer immer, wenn das, was sie tun nicht mehr dem entspricht, was sie eigentlich tun möchten.“

Wer dann nicht handelt, läuft Gefahr früher oder später im Burnout zu enden. „Das Risiko eines Burnouts ist umso höher, je fremdbestimmter man über einen langen Zeitraum arbeitet“, so der Karriere-Coach.

Runterschalten … und neu durchstarten

Downshifting heißt also zunächst, die eigenen Werte und Ziele im Leben zu definieren. Wenn die mit dem aktuellen beruflichen Tun nicht mehr vereinbar sind, trifft man die bewusste Entscheidung auszubrechen. Bernd Slaghuis verdeutlicht verschiedene Alternativen, über die sich Downshifting umsetzen lässt:

  • Die erste Alternative ist reine Einstellungssache: Sie bleiben im selben Job bei Ihrem bisherigen Arbeitgeber, gewinnen aber eine gelassenere Einstellung zum Job. Das heißt: Freiräume schaffen, Stress auslösende Faktoren reduzieren und zu mehr Gelassenheit gelangen.
  • Das nächste Modell lässt sich meist nur bei größeren Unternehmen realisieren. Sie ergreifen eine andere Stelle beim gleichen Arbeitgeber, die andere Aufgaben enthält und mehr Sinn stiftet, weil sie Ihren aktuellen Werten und Zielen stärker entspricht.
  • Downshifting kann auch bedeuten, die Arbeitszeit zu reduzieren und auf einen Teil des Einkommens zu verzichten. Sie bleiben weiterhin angestellt und machen in der gewonnen Zeit wieder das, was mehr Ihren Werten und Zielen entspricht. Das kann ein Hobby, eine Weiterbildung oder mehr Zeit mit der Familie sein.
  • Sie haben auch die Option, den Arbeitgeber zu wechseln und sich woanders neu zu positionieren. Wichtig ist aber auch hier, dass Sie sich zuvor darüber im Klaren werden, was Sie wirklich wollen, denn sonst wird mit dem nächsten Job keine Veränderung erfolgen.
  • Vielleicht ist auch der Weg in die Selbstständigkeit für Sie der richtige, denn dabei erfahren Sie das höchste Maß an Selbstbestimmung, auch wenn Sie dabei in der Summe vielleicht mehr arbeiten als zuvor.
  • Viele Unternehmen bieten auch die Möglichkeit eines Sabatticals an. Möglicherweise brauchen Sie eine längere Auszeit um Klarheit über die nächsten Schritte zu erlangen.
  • Eine Kombination aus alledem ist auch für viele sinnvoll: Sie wechseln den Arbeitgeber, steigen dort aber bewusst niedriger ein als vorher und schaffen sich so mehr Freiräume. Oder Sie reduzieren erst die Arbeitszeit, bereiten währenddessen Ihre Selbstständigkeit vor und kündigen dann.

Finanzielle Einbußen nicht unterschätzen

Was Ihnen klar sein sollte:Wenn Sie in eine niedrigere Position wechseln, auf Einkommen verzichten oder in die Selbstständigkeit wechseln wollen, ist sicher das finanzielle Risiko das größte Hindernis beim Runterschalten. „Viele Menschen haben eine falsche Vorstellung davon, was es bedeutet eine Selbstständigkeit aufzubauen. Fragen Sie sich vorher: Kann ich eine finanzielle Durststrecke überbrücken? Bin ich insgesamt konsequent genug, um mein eigenes Geschäfts aufzubauen?“, sagt Bernd Slaghuis.

Unternehmen müssen noch dazulernen

Downshifting steckt in Deutschland allerdings noch in den Kinderschuhen. „Deutsche Arbeitgeber und Unternehmen sind noch nicht richtig vorbereitet auf das Thema. Eine Führungskraft, die freiwillig beim selben Arbeitgeber eine Karrierestufe zurückgeht, gilt schnell als Drückeberger oder als nicht belastbar“, meint der Neuorientierungs-Experte. „Unternehmen sollten aber erkennen, dass sie letztlich mehr von einem Mitarbeiter haben, der für sich erkannt hat, dass er in einer anderen Position glücklicher ist und dem Unternehmen damit erhalten bleibt.“

Die Chance auch in einer niedrigeren Karrierestufe beim selben Arbeitgeber bleiben zu können schätzt er eher bei größeren Unternehmen mit modernen Personalentwicklungsprogrammen und einer größeren Anonymität zwischen den Kollegen positiv ein. „Für die meisten Menschen, die sich überlegen beruflich runterzuschalten, kommt häufig jedoch nur die Kündigung in Frage. Der vermeintliche Karriereknick und der empfundene Gesichtsverlust innerhalb eines Unternehmens werden als unangenehm angesehen“, erklärt Bernd Slaghuis.


Dr. Bernd Slaghuis appelliert an die Selbstverantwortung jedes Einzelnen für sein Leben. Der Ökonom und Systemische Coach hat sich auf Fragen der Neuorientierung im Beruf spezialisiert, betreibt eine Coaching-Praxis in Köln und ist als Strategieberater für Unternehmen sowie als Dozent und Redner tätig. Slaghuis bloggt selbst in seinem Coaching-Blog Perspektivwechsel.

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