Was haben Bewerber in Vorstellungsgesprächen von heute zu erwarten und wie sollten sie am besten vorbereitet sein? Die Karriereberaterin Annette Thiele aus Berlin hilft uns einen Überblick zu den neuesten Trends zu bekommen.

Eines war schon immer so und wird auch immer so bleiben: Im Vorstellungsgespräch müssen Sie in der Lage sein, dem Unternehmen überzeugend darzulegen, welche Erfahrungen und Voraussetzungen Sie für die Stelle mitbringen. „Das ist vor allem für diejenigen eine Herausforderung, die nicht gern über sich sprechen und denen es unangenehm ist, ihre eigenen Fähigkeiten herauszustellen“, sagt Annette Thiele, Karriere-Coach aus Berlin. „Neben anderen Mitbewerbern kann das Nachsehen haben, wer sich mit Selbst-PR schwer tut.“

Neben dieser grundsätzlichen Herausforderung, die ein Vorstellungsgespräch mit sich bringt, haben Bewerber auch die folgenden Trends in Vorstellungsgesprächen zu erwarten.

Psychologisch geschulte Recruiter

Wer lange im selben Job war und sich nach vielen Jahren wieder auf dem Arbeitsmarkt orientiert, findet dort eine ganz andere Realität vor als noch vor einiger Zeit. Nicht nur haben sich die Bewerbungsmethoden geändert, auch die Anforderungen an Bewerber sind gestiegen.

„Vorstellungsgespräche sind trotz Fachkräftemangels komplexer und anspruchsvoller geworden und sind so selbst für gestandene Fachkräfte eine große Herausforderung“, meint Annette Thiele. Mehr denn je müssen Bewerber heute überlegen, mit welchen Kenntnissen, Erfahrungen und persönlichen Stärken sie dem Unternehmen im jeweiligen Aufgabengebiet nutzen können.

In Konzernen sitzt der Kandidat im ersten Gespräch oft einem, meist jungen, Recruiter gegenüber. „Mit den Fragestellungen dieser psychologisch geschulten Personaler haben gestandene Fachkräfte häufig Schwierigkeiten. Mein Tipp zur Vorbereitung: Erfragen Sie, wem Sie im Gespräch gegenüber sitzen werden“, so die Bewerbungsberaterin.

Vorab-Telefonate und Video-Interviews

Vor dem eigentlichen Vorstellungsgespräch lassen viele Unternehmen durch ihre Recruiter Vorab-Telefon-Interviews mit Bewerbern führen, um so schon einmal grob vorsortieren zu können. Aktuell schon in IT-Unternehmen gern eingesetzt, sind auch Video-Interviews mit fortschreitender Technologie immer mehr im Kommen.

Auf ein Video-Interview müssen Sie sich als Bewerber ebenso sorgfältig vorbereiten, wie auf ein persönliches Gespräch. Zusätzlich sollten Bewerber zwei Punkte unbedingt beachten: „Stellen Sie sicher, dass Sie für die Zeit des Interviews wirklich ungestört sind – die Familie sollte Bescheid wissen und das Telefon stumm geschaltet sein“, sagt Annette Thiele und fügt den zweiten wichtigen Punkt hinzu. „Achten Sie auf Ihre Kleidung und prüfen Sie, ob das im Bild zu dunkel oder zu blass rüberkommt. Wählen Sie einen ruhigen Hintergrund – bitte keinen Weitblick ins Zimmer, auf eine Bücherwand oder eine Wand voller Bilder.“

Situations- und Verhaltensfragen

Für die viel gefürchteten „Brainteaser-Fragen“, Logik- und Konzentrationsaufgaben, sieht die Karriereberaterin keinen allgemeinen Trend. Auszubildende und Bewerber in der Beratungsbranche sollten aber darauf gefasst sein.

Häufiger werden grundsätzlich in allen Vorstellungsgesprächen Situations- und Verhaltensfragen gestellt. Damit klopfen Arbeitgeber ab, wie Bewerber sich in typischen Situationen verhalten und wollen so noch besser einschätzen können, ob sie ins Unternehmen passen. Annette Thiele nennt ein Beispiel für eine solche Frage: „Denken Sie zurück an eine Situation, als Sie eine Aufgabe übernehmen sollten, für die Sie sich überqualifiziert fühlten. Wie haben Sie sich verhalten?“

Immer häufiger Probearbeiten

Eine Personalentscheidung ist immer auch eine Investitionsentscheidung und um dabei Risiken zu minimieren lassen gerade kleinere und mittelständische Unternehmen immer häufiger Probearbeiten.

„Beim Probearbeiten will das Unternehmen herausfinden, ob der Bewerber den Anforderungen gerecht wird und wie schnell er sich einarbeiten kann“, erklärt Annette Thiele. „Für den Bewerber ist es eine gute Möglichkeit das Unternehmen, die Kollegen, die Arbeitsbedingungen kennen zu lernen – und seine Entscheidung zu treffen.“

Vergessen Sie nie: Trotz der besten Vorbereitung und auch wenn Sie wissen, welche Trends derzeit verfolgt werden: Im Vorstellungsgespräch kann immer mal wieder Unerwartetes passieren. Annette Thiele hat einen vermeintlich simplen Tipp, der aber nur zu häufig vergessen wird: „Bleiben Sie immer Sie selbst! Auch Sie entscheiden, ob Sie in dem Unternehmen arbeiten wollen.“


Annette Thiele, Karriere-Coach in Berlin, ist Spezialistin für die Wechselfälle des beruflichen Lebens. Sie zeigt auf, wie Sie Ihre beruflichen und Ihre persönlichen Interessen in Einklang bringen. In dem Buch Coaching – Methoden und Porträts erfolgreicher Coaches, Band 2, (Hrsg. A. Fichtner, W. Müller) stellt sie ihre Vorgehensweise vor. Auf ihrer Webseite www.beratung-thiele.de finden Sie weitere Informationen und Downloads.

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