Sind Sie auch so im Stress? Wer nicht? Gestresst sein gehört mittlerweile schon zum guten (Arbeits)Ton. Dabei führt nur positiv empfundener Stress zu mehr Motivation und Arbeitszufriedenheit, während negativer Stress das Gegenteil bewirkt. Zum Glück ist Stress auch eine Frage der Wahrnehmung.

Was ist Stress überhaupt?

Stress. Wenn wir dieses Wort nur hören, möchten wir am liebsten völlig ermattet in den nächsten Liegestuhl sinken. Die tägliche Email-Flut ist Stress, eine übervolle To-Do-Liste ist Stress und der ewig nörgelnde Chef stresst überhaupt am meisten. Dabei ist Stress ganz nüchtern betrachtet eine Beanspruchung oder Anspannung des Körpers, der daraufhin vermehrt Hormone wie Adrenalin und Kortisol in die Blutbahnen feuert und unser Herz schneller schlagen lässt. Wir sind in Alarmbereitschaft. Ein Gruß des Höhlenmenschen in uns, verschafften doch genau diese Stresssymptome unseren Vorfahren einen Überlebensvorteil in Gefahrensituationen.

Stress muss also nicht von Haus aus schlecht sein. Tatsächlich unterscheidet die Wissenschaft positiven Eustress von negativem Distress. In den Medien und im allgemeinen Sprachgebrauch macht man sich hingegen nicht die Mühe zu differenzieren. Stress ist schlecht, Stress macht krank und der Stress nimmt immer mehr zu. Unzählige Studien und Umfragen widmen sich diesem Thema und kommen zu alarmierenden Ergebnissen. Scene of Crime ist in den meisten Fällen der Arbeitsplatz. Zu viel Verantwortung, ständiges An-die-Arbeit-denken (auch in der Freizeit), ein inkompetenter Chef, unangenehme Kollegen und fieser Büroklatsch sind die größten Stressoren. Doch allen voran die hohe Arbeitsbelastung. Aber stimmt das den?

„Uns ging es noch nie so gut wie heute“

„Wir klagen darüber, wofür wir alles keine Zeit haben und wie beschäftigt wir sind. Wir berichten ausführlich und umfassend, wie anstrengend Arbeit und Leben überhaupt sind und was uns alles belastet. Dabei ging es uns noch nie so gut wie heute“, meint Dr. Ilona Bürgel, Diplom-Psychologin und Expertin für den Wirtschaftsfaktor Wohlbefinden. „Wir haben mehr Urlaubstage als je zuvor und arbeiten weniger. Technik nimmt uns schwere Arbeit ab. Wir genießen mehr Wohlstand und müssen über die Frage, wie wir satt werden, nicht mehr nachdenken. Maschinen und Dienstleister an allen Ecken sparen Zeit, doch wo ist sie hin?“

Die Macht der Suggestion

Bürgel, die Mitarbeiter und Führungskräfte dabei berät, Ressourcen durch mehr eigenes Wohlbefinden besser zu nutzen, geht davon aus, dass Stress oft hausgemacht ist. „Wir scheinen uns eine Parallelwelt in unserem Kopf zu erschaffen, in der wir die wechselnden Arbeits- und Lebensbedingungen schlechter bewerten als sie tatsächlich sind. Daher fühlen wir uns gestresster als wir es sind.“ Aus diesem Wahrnehmungskreislauf auszubrechen ist nicht einfach, denn als Mensch neigen wir dazu, eher Negatives zu sehen und zu erwarten, als zufrieden mit uns und unserer Arbeit zu sein. Tendenziöse Headlines in den Medien wie „Jeder fünfte Deutsche fühlt sich ausgebrannt“ tragen dabei nicht gerade zu mehr Positivismus bei. Oder denken Sie bei dieser Überschrift an die restlichen vier Arbeitnehmer, die scheinbar keinerlei Stressprobleme haben?

Ein chinesisches Sprichwort sagt: „Nichts in der Welt ist schwierig, es sind nur unsere Gedanken, welche den Dingen diesen Anschein geben.“ Demnach ist Stress also ein reines Hirngespinst? „Nein“, sagt Bürgel. „Stress ist ein Ungleichgewicht zwischen den inneren und äußeren Anforderungen an die Person und ihren Möglichkeiten, darauf zu reagieren.“ Allerdings fühle sich ein negativ gestresster Mensch überfordert und der Situation nicht gewachsen, während der positiv gestresste Mitarbeiter die Situation als Herausforderung begreife, die zu einer Leistungs- und Motivationssteigerung führe sowie nicht selten zu dem positiven Arbeitszustand, den man gemeinhin als Flow bezeichnet.

So denken Sie den Stress weg

Die Kunst ist es also, die Wahrnehmung auf Positives zu schärfen und subjektiv empfundene Stressoren zu eliminieren. Natürlich nicht den Chef! Aber wenn es Ihnen gelingt, seine Nörgelei nicht persönlich zu nehmen, geraten Sie nicht sofort unter Druck. In Ihrem Buch „Die Kunst, die Arbeit zu genießen“ gibt Ilona Bürgel weitere Tipps zur Stresstransformation:

Welchen Gedanken kann ich jetzt denken, damit ich mich wohlfühle?

Fragen Sie sich das bei Sorgen, Ängsten und Zweifeln. Mit unseren Gedanken machen wir uns selbst am meisten Angst. Die Realität ist niemals so schlimm wie unsere Gedanken. Sie können immer denken und fühlen, was Sie wollen.

Kommen Sie sich selbst auf die Schliche.

Zahlen Sie jedes Mal, wenn Sie einen »Problemblick« bekommen, destruktiv denken oder sich selbst mobben, einen Euro in eine Sparbüchse für einen guten Zweck.

Investieren Sie in die positive Waagschale.

Leben Sie eine Kultur der Selbstfürsorge, der Wertschätzung und des Optimismus. Das kostet überhaupt kein Geld. Kommunizieren Sie lösungsorientiert. Entwickeln Sie eine Kultur guter Nachrichten im Unternehmen.

Bringen Sie etwas zu Ende, bevor Sie das Nächste anfangen.

Unerledigtes sitzt uns ständig im Genick, egal wie klein oder groß. Das Gefühl, nicht genug geschafft zu haben, kommt daher, dass wir so viel anfangen und uns ablenken lassen.

Bestimmen Sie Anfang und Ende.

Zum Beispiel für Meetings, Gespräche und so weiter – und halten Sie sich daran! Die Effizienz wird sofort steigen.

Machen Sie Handy-Sabbaticals.

Schaffen Sie Zeiten der Unerreichbarkeit. In Meetings, beim Abendessen und einfach so. Ihre Konzentration dankt es Ihnen.

Schaffen Sie nach der Arbeit Abstand.

Geben Sie die Illusion auf, Sie könnten Arbeit und Privates trennen. Sorgen Sie lieber dafür, dass Sie in einem guten Zustand nach Hause kommen.

Nehmen Sie sich täglich fünf Minuten Zeit fürs Nichtstun.

Gar nichts. Auch nicht meditieren, lesen oder Yoga. So erholt sich das Gehirn und damit der Körper.

 

Quellen: http://www.ilonabuergel.de/ , „Die Kunst, die Arbeit zu genießen: Erfolg und Lebensfreude im Job“, Ilona Bürgel, Kreuz Verlag


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