20.05.2014 -

Das Ruhrgebiet ist eins der potenziell bedeutendsten wirtschaftlichen Ballungszentren Europas. Doch noch hat es den Strukturwandel von der ehemals glänzenden Bergbauregion nicht geschafft. Dennoch gibt es Chancen, die wir hier aufzeigen.

Bottrop, Essen, Gelsenkirchen oder Herne – Ortsnamen, die kaum den Wunsch auf Kurzurlaub oder gar dauerhaften Umzug wecken. In Zeiten von Wohlstand und hoher, naturnaher Freizeitqualität kämpft das Ruhrgebiet mehr denn je mit seinem unattraktiven Image des harten Arbeiterlebens. Doch wie immer sollte man auch hier zwei Mal hinschauen.

Im Städteranking von Immobilienscout und WirtschaftsWoche 2015 bilden Oberhausen, Herne und Gelsenkirchen, abgeschlagen auf den Plätzen 67 bis 69, das Schlusslicht der nationalen Vergleichsliste. Und auch andere Großstädte des Ruhrgebiets wie Dortmund oder Bochum schaffen es nur ins hintere Drittel. Das größte Problem der Region ist die hohe Arbeitslosigkeit. Im April 2014 waren im Ruhrgebiet rund 287.000 Menschen ohne Arbeit. Das entspricht einer Quote von 11,1 Prozent – ein Wert, der zu den höchsten in Deutschland gehört. Ebenso erschreckend ist eine aktuelle Erhebung der Ruhr-Universität Bochum: Mehr als ein Viertel aller unter Dreijährigen (27,9 Prozent) im Ruhrgebiet lebt in materieller Armut und ist auf Unterstützung durch Hartz IV angewiesen. Das bedeutet, dass diese Kinder nur stark eingeschränkt an Bildung, Sport, Gesundheit und Kultur teilhaben können.

Eine Region mit großem wirtschaftlichem Potenzial

Dennoch erkennen viele Unternehmen das Potenzial des Ruhrgebietes. Als eine der fünf größten Agglomerationen in Europa und mit einem Verkehrsnetz, das seinesgleichen sucht, birgt die Region eine enorme Wirtschaftskraft. Im Umkreis von 500 Kilometern leben etwa 40 Prozent der EU-Bevölkerung. So sind allein über die Straße in allen Himmelsrichtungen in nur drei Stunden Fahrzeit mehr als 60 Millionen Menschen zu erreichen. Hinzu kommen 80 Häfen und 272 Kilometer Binnenschifffahrtswege, 70 Bahnhöfe und ein Schienennetz, das mit 2.200 Kilometern Länge in seiner Dichte einmalig in Deutschland ist. Zwei große Flughäfen in Düsseldorf und Dortmund sowie ein kleinerer in Weeze im Kreis Kleve sichern darüber hinaus den Lufttransport.

Weltmarkt-Konzerne und Hidden Champions

Laut FAZ haben neun von Deutschlands 100 größten Unternehmen ihren Sitz in der Metropole Ruhr. Thyssen-Krupp ist darunter der Konzern, der wohl am stärksten mit der Region verwurzelt ist. Erst kürzlich gab die Konzernzentrale in Essen bekannt, ein neues Unternehmen für seine weltweite Verwaltungstätigkeit mit 250 Arbeitsplätzen im Ruhrgebiet bauen zu wollen. Andere große Arbeitgeber sind RWE, E.ON Ruhrgas und Handelskonzerne wie die Aldi-Gruppe, Douglas Holding, Arcandor oder Tengelmann. Der Duisburger Hafen duisport hat sich zu einem internationalen Logistikstandort entwickelt. Über 300 Transport- und Logistikunternehmen, mit Kunden aus der Automobilindustrie bis hin zu Hightech-Branche, sichern mehr als 40.000 hafenabhängige Arbeitsplätze. Der WDR, die Funke-Mediengruppe und die Ruhr Nachrichten prägen die Medienlandschaft der Region. Langsam entwickelt sich im Ruhrgebiet auch eine respektable Agenturlandschaft mit derzeit sechs großen Werbeagenturen und einem jährlichen Umsatz von mehr als 10 Millionen Euro.

Obwohl das Ruhrgebiet in seiner eindrucksvollen Geschichte nie ein Zentrum für den Mittelstand gewesen ist, finden sich hier doch erstaunlich viele Hidden-Champions. Über 22 mittelständische Unternehmen, wie der Klebstoffspezialist cph, die Mühlheimer Firma EUROPIPE, oder der Klimaanlagenbauer trox, die in ihrem Segment Weltmarktführer sind, prägen die wirtschaftliche Region an der Ruhr neu. Sie bieten ambitionierten Arbeitnehmern meist flexiblere, schnellere und spannendere Karrierewege als stark strukturierte Konzerne.

Der Himmel über dem Pott ist wieder blau

Der Ruhrpott ist heute die Ruhr Metropole. Finanziert wurde der Strukturwandel von einer der bedeutendsten Kohle- und Stahlregionen des vergangenen Jahrhunderts zu einem Ballungsraum mit neuer wirtschaftlicher Ausrichtung in großen Teilen durch die EU. Zwischen 1989 und 2011 flossen mehr als vier Milliarden Euro ins Ruhrgebiet. Veränderungen sind sichtbar. Waren 1970 noch knapp zwei Drittel der Beschäftigten im produzierenden Gewerbe tätig, arbeiten heute in der Metropole Ruhr 72 Prozent im Dienstleistungssektor. Und mittlerweile ist er wieder blau, der Himmel über dem Ruhrgebiet, so wie es Willi Brandt 1961 forderte. Wo vor dreißig Jahren Roheisen produziert und Kohle gefördert wurde, flaniert man heute durch große Landschaftsparks, finden Konzerte statt und kann man auf einem 700 Kilometer langen Radweg einmalige Industriekultur bestaunen. Die Sonne scheint über den stillgelegten, imposanten Hochöfen und „statt Maloche gibt es Kletterwand“, schreibt DIE WELT.

Heimatverbunden „anne Bude“

So besonders die Ruhr Metropole ist, so besonders sind auch ihre Bewohner. Sie haben das Herz am rechten Fleck, sind für einander da und mit ihrer Heimat verbunden wie kaum ein anderer. „Hier wo das Herz noch zählt und nicht das große Geld“, singt Herbert Grönemeyer so bezeichnend in seiner Hymne an Bochum. Hier trifft man Taubenzüchter und Schrebergärtner, Schalke-Fans und BVB-Jünger und natürlich die Budenbesitzer. 18.000 Kioske trotzen Schätzungen zufolge der Konkurrenz durch Supermärkte und Tankstellenshops. Bude ist Heimat im Ruhrgebiet und wer auf dem Weg zur Maloche „anne Bude“ sein Käffchen holt, kann dort noch immer sein Herz ausschütten, Weltpolitik oder die der Nachbarschaft diskutieren.

Noch brauchen die Menschen im Ruhrgebiet Geduld und Zuversicht, braucht es weitere mutige Visionäre, um aus der ehemals größten Montanindustrieregion Europas ein neues Wirtschaftszentrum zu erschaffen. Die Weichen – und davon gibt es im Ruhrgebiet ja viele – sind gestellt.


Quellen: www.metropoleruhr.de, www.idruhr.de, www.welt.de, www.insm-staedteranking.de, www.statista.com, www.idw-online.de

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